Lerngeschichten

Die Kindergartenkinder beobachten sehr genau, dass ich mich mit einzelnen Kindern und kleinen Gruppen von Kindern beschäftige. Immer wieder fragen sie mich, ob ich sie auch einmal mitnehme. Meine Standardantwort ist: "das habe ich nicht mit deiner Mutter besprochen".  Mia gab sich damit nicht zufrieden und meinte einige Wochen später zu mir: "Würden Sie bitte einmal mit meiner Mutter reden, ob ich auch mitkann?" Darauf konnte ich ihr nur antworten: "Mia, ich nehme Kinder mit, um mit ihnen sprechen zu üben, wenn du mich so schön fragst, muss ich mit dir nicht mehr sprechen üben!"

Abgesehen davon, dass mich bisher noch keine Vierjährige im Kindergarten gesiezt hat.

 

Ähnlich erfreut bin ich heute, als ich einen inzwischen 5jährigen nach längerer Pause wieder mitnehme, weil das Sch doch noch nicht in seiner Alltagsprache angekommen ist. Wir spielen Memory mit Sch-Wörtern, er gewinnt haushoch und berechtigt. Danach schauen wir uns alle Karten nochmals an und sagen Sätze zu den Bildern: ich und dann er. Seine Sätze und seine Phantasie haben mich sehr beeindruckt:

Beim Schienenbild sage ich: "Auf der Schiene fährt ein Zug mit 7 Wagen." Sein Satz: "Auf der Schiene geht gerade die Schranke runter und der Zug fährt darüber. Er hat 10 Waggons und ist voll beladen. Und ein Mensch läuft darüber, über die Schiene, und ein Zug muss eine Vollbremsung machen."

Bei der Schubkarre sage ich (er will immer, dass ich zuerst spreche!): "Ich fahre in der Schubkarre große Steine zu meiner Steinmauer." Darauf der Fünfjährige:"Im Schubkarren sitze ich drin und mein Papa schiebt mich."

 


----- Feder zum Pusten

Herbstzeit in der Sprachtherapie mit Blättern, Igeln und Raben

Mich beeindruckt immer wieder die Ernsthaftigkeit, mit der die Kinder die ganzen Spiele mitmachen, die ich ihnen anbiete.

Mit einem Vater hatte ich besprochen, dass der Sohn nicht mehr kommen muss - prompt steht heute der Vierjährige da und fragt, wann er wieder mal mit mir spielen darf . . .

Das Igelmemory nimmt heute ein Kind durchaus gefangen, und es versucht, trotz Deutsch als Zweitsprache, auch die schwierigeren Sätze schon zu bilden: "Der Igel läuft (zum) Baum, der Igel läuft (zum) Stein ...". Anhand der benannten Bilder sehe ich gut, wo ich mit ihm "weiterarbeiten" kann. Der Stoffigel wird nächste Woche zum Pferd, zum Schwein, zum Schaf, zur Katze, zur Kuh laufen.

Zwei Mädchen machen so ernsthaft mit, dass ich immer mal wieder versuche, sie mit einem Spaß aus der Reserve zu locken.

Allerdings gibt es auch Kinder, die einfach noch zu klein sind, als dass man mit ihnen einen Problemlaut üben könnte. Auch was noch so spielerisch abläuft, ist nicht mit Toben oder Bauecke zu vergleichen. Da bleibt nur eins: Pause machen und in einem halben Jahr nochmals einen Versuch starten.

Dann habe ich auch noch ein Kind, mit dem auf Wunsch der Eltern bereits mit 3 Jahren begonnen wurde. Wir haben sehr sehr spielerisch begonnen - und jetzt ist die Luft raus. Nun sollen die Eltern sich selber um die Übungen kümmern - oder es lassen - und mich ansprechen, wenn sie meine Hilfe brauchen. Wenn das Kind nicht mitmacht, dann ist ein "An das Kind - Ranschwätzen" oft wenig erfolgreich.

Schließlich ist heute bei einem weiteren Kind auch der schnelle Abruf von Sch-Wörtern wieder erfolgreich: Jeder darf eine Reihe mit 10 Bildern legen, die wir zügig hintereinander sagen. Der 4.Schuh in der Reihe wird durch den Wiederholungseffekt von ihm mit einem wunderbaren, deutlichen "sch" gesprochen. Damit zeigt sich einmal mehr, dass die gleichbleibende Übung zum Erfolg führen kann.

Gleiches beobachte ich bei einem Mädchen, mit dem ich eine Silbe im Dreierrhythmus wiederhole: ra  -  ra  -  ra,   nochmal ra  -  ra  -  ra,  nochmal ra ...  Bis zur Ermüdungserscheinung können wir den Rhythmus beibehalten. Beim nächsten Mal wird er als Sprechmalvers wieder auftauchen: wir werden mit ra-ra die Flügel eines fliegenden Raben malen.

 

Sommerzeit

Zwei vierjährige Mädchen - die ESU = Schuleingangsuntersuchung in Baden Würtemberg war gerade vorbei - erklärten mir:

"Wir müssen kucken, ob wir in die Schule können.

Wenn wir was nicht können,

sind wir nicht schulreif,

und dann können wir auch nicht in die Schule.

Osterzeit

Noch selten habe ich die Kinder so herzlich lachen sehen, wie bei den Pustehasen. Wenn sie kräftig pusten, saust der Papierhase über den Tisch.

Besonders schön ist es, wenn der Pustehase über den ganzen Tisch fegt und auf der anderen Seite herunter fällt - egal ob auf ihrer oder auf meiner Seite.

Anleitung für das Pustespiel:     Kindergartenkinder  -->  Jahreszeitliches  -->  Ostern  --> Pustehasen

 

Faschingszeit

Nachdem wir den Faschingsfingervers geübt haben, bleiben wir bei Reimen, allerdings will ich die 2 Buben (Vorschüler) wieder auf unseren Übungslaut "s" lenken. Dazu habe ich einige Reime vorüberlegt:

Die Polizei fängt den Dieb, Wasser läuft durch's  ....

Auf dem Dach weht eine Fahne, Apfelkuchen gibt's mit  .... 

Nun nehmen wir unsere S-Bilder und überlegen weiter: einer der beiden Jungen fabuliert wild drauf los: Seil - reil, vom anderen kommen handhabbarere Angebote: Socken - Brocken, nun bieten beide ein Wort an zur Seerose - Aprikose - Hose, dann kommt vom implusiven Buben: Sonne - Mond, aha, er hat die Metaebene verlassen. Es wird Zeit das Thema zu wechseln, seine Kapazitäten sind erschöpft.

In der folgenden Woche greife ich die Reime auf, diesmal mit Wörtern, die ein "s" in der Mitte enthalten. Wir finden gemeinsam Hose - Rose, Besen - lesen, Maus - du bist 'nen Graus, aber auch Hase - Aprimase (was soll das sein? Weiß nich!), als sie bei heise - Kaiser - Kiese - Kiesel - Biese - Riese ankommen, weiß ich, dass sie mit Sprache spielen können.

Das folgende Erlebnis passt fast zur FastenzeitEin 5jähriges Mädchen meint plötzlich zu mir: "Die Anfangsleute, die wo von Gott gemacht wurden, die konnten früher alt werden und früher sterben." "Meinst du Adam und Eva?" "Ja, wenn sie ganz am Anfang waren, dann könnten sie doch nicht bis zum Ende leben."

Winterliche Lerngeschichten 2013

Wir betrachten Schneemannbilder. Nick hat 2 Bilder vom Schneemann mit einem Schal. Ich erkläre ihm:"Schau, der Schneemann hat 2 Schals." Er meint: "Warum sagst du das: 2 Schals?" Meine Antwort: "Das heißt so 1 Schal - 2 Schals". Der Zufall hilft mir: Ich habe heute einen Schal um den Hals und zufällig noch einen weiteren Schal über dem Mantel hängen. Diesen hole ich mir und binde ihn auch noch um: "So, nun habe ich 2 Schals - das sind 2 Schals!" Pause, Nick schaut mich an. "Aber weisst du, das sieht doof aus, wenn ich 2 Schals habe, ich lege einen Schal wieder weg."  Gesagt - getan!

-> in dieser kleinen Geschichte habe ich die Pluralform von Schal semantisch eingebunden und hoffe, dass er sich anhand meines Anblicks mit 2 Schals um den Hals die Pluralform mit -s nun besser merken kann.

 

Lena übt mit mir den Laut /k/ . Eigentlich kann sie es schon oft richtig!!  Wir sprechen über Lieblingsessen. Von ihr kommt: "essig - durte". Aus Versehen habe ich nachgesprochen:"deine Essigdurte" - darf man ja nicht! - sie sieht mich an und korrigiert mich: "Essig - gurke".

Die Fremdwahrnehmung klappt gut, die Eigenwahrnehmung und Eigenkorrektur aber noch nicht. Wir sind mit den Übungswörtern weit voran gekommen, aber die Spontansprache ist noch durchsetzt vom Ersatzlaut /t/, z.B. sagt sie mir: "Wir können das nicht topieren."

 

Nach einem Sprechmalvers zum Schneemann, sollen die Kinder dem Schneemann ein Gesicht geben. Phil beginnt zu malen und fragt mich dann: "Wie heißt das hier oben?" er zeigt auf seine Augenbraue. Ich nenne ihm das Wort und er wiederholt es sogleich. Da er zweisprachig aufwächst, scheint er viel mehr Sprachkompetenz zu haben, sich die deutsche Sprache anzueignen.