Sprachtherapie unter verschiedenen Aspekten - in der Osterzeit         v.  Theda Hiller

Der Sprachaufbau und die Unterstützung, die manche Kinder benötigen, können in sehr  verschiedenen Bereichen stattfinden. In den letzten Jahren wurden je nach Blickwinkel einige Konzepte entwickelt, die intensiver vorgehen als die handlungsbegleitende  Sprachförderung der 90iger Jahre und weiter reichen als die allgemeine Förderung der basalen Wahrnehmungsbereiche und ihrer sensorischen Integration. Die Förderung in jedem der Konzepte  legt einen Schwerpunkt auf auffällige oder noch fehlende Sprachbereiche. Zu nennen sind die Kontextoptimierung im grammatischen Bereich, der Wortschatzsammler – beides von MOTSCH in der Literatur dargestellt – der schnelle Abruf und die Verbale Entwicklungsdyspraxie, die sich mit Gedächtnisleistungen befassen. Die Sprachtherapie/-förderung beachtet im Weiteren auch Serialität (Reihenfolge), Mundmotorik, Artikulation, Phonologische Bewusstheit und natürlich auch das Sprachverständnis als eine der wichtigsten Grundlagen.

 

Anhand von Beispielen will ich zu verdeutlichen versuchen, wie sich die verschiedenen Ansätze im Kindergartenalter umsetzen lassen.

 

Wortschatzaufbau siehe: Sprachförd.–allgemein --> Wortschatzsammler --> Oster-Wortschatzsammler.

 

Kontextoptimierung nach MOTSCH

Prof. Motsch und seine Studenten konzentrieren sich auf die Verbzweitstellung  (Max isst den ...) im Satz,  auf die richtige Anpassung des Prädikats an das Subjekt (ich hole, du holst, er/sie/es holt ...), auf die Kasusmarkierung im Akkusativ und Dativ (... den Hasen, dem Hasen) und die Nebensatzbildung. Ich würde im Hinblick auf die jüngeren Kinder, die das Verb noch im Infinitiv und meist am Satzende sprechen, die verschiedenen Verbformen in den Vordergrund stellen.

Zur Osterzeit lassen sich folgende Spielideen realisieren:

  • Verbzweitstellung im Satz: Die Kinder malen miteinander und bekommen mehrere Anregungen, die mit Ostern zu tun haben. Jeder entscheidet selber und kündigt an: „ich male das Osterei, ich male den Korb, ich male das Nest, ich male den Hasen“ usw.  Dann wird alles ausgeschnitten, und die Bilder fügen sich vielleicht zu einer kleinen Geschichte zusammen.
  • Richtige Anpassung des Prädikats an das Subjekt: Papiereier sind versteckt. Jedes Kind darf einmal entscheiden, wo es selber und ein anderes Kind/die Erzieherin/die Therapeutin suchen: „Du suchst hinter dem Sofa und ich suche unter dem Schrank.“
  • Richtige Verwendung des Akkusativs (vor allem in der maskulinen Form: der à den ). Dazu sind die kleinen Bilder von Huhn, Küken, Hase, Ei, Eierbecher, Löffel und Nest geeignet, die am besten in den Farben des Farbwürfels angemalt werden. (AB habe ich Euch zukommen lassen). Alle Bildchen liegen auf dem Tisch, reihum wird der Farbwürfel geworfen und gesagt: „Ich nehme den blauen Löffel, ich nehme den gelben Hasen“ usw.  Natürlich kann man auch ein Versteckspiel spielen. Die Bilder werden sortiert und alle 6 Hasen werden versteckt:“ ich verstecke den grünen Hasen, ich verstecke den roten Hasen, ich verstecke den orangen Hasen“ usw. Beim Suchen kann man anhand der Farben feststellen, wer fehlt: „wir suchen noch den blauen Hasen“.
  • Richtige Verwendung des Dativs:  Drei Küken sind weggelaufen. Die Biegepuppe, ein Junge, muss suchen. Wo sucht er? Unter dem Sofa, hinter dem Stuhl, auf dem Schrank. Sind alle Bildchen gefunden, kann man sie auch verschenken: „dem Jungen“ oder  „dem Mädchen“.

Da man im Bereich der Kontextoptimierung darauf verzichtet, immer in ganzen Sätzen zu sprechen,

kann man tatsächlich auch den Ablauf verbal vereinfacht begleiten: „Das schenke ich dem Jungen - dem Mädchen - dem Jungen - dem Mädchen“ usw. und häufig den Dativ zu Gehör bringen (oder selber sprechen lassen).

  • Verbendstellung im Nebensatz: Vor den Kindern liegen in einem Korb Gegenstände, die mit Ostern zu tun haben. Jedes Kind nimmt sich einen Gegenstand und begründet, warum es den Gegenstand nimmt: „Ich nehme das Huhn, weil meine Oma Hühner hat.“ (und nicht: ich nehme das Huhn, weil meine Oma hat Hühner) usw.

Vielleicht hat es jemand bemerkt: nebenher üben wir auch Präpositionen und den Plural: viele Eier ...

 

Der schnelle Abruf kam in den Blick, als man merkte, dass beim Lese- und Schreibprozess ein sicherer Umgang mit Graphem+Laut notwendig ist. Sieht ein Erstklässler das Wort Ball, muss er schnell hintereinander drei verschiedene Laute realisieren, diese sich in der richtigen Reihenfolge vorsagen /bal/ und darin den Ball als Spielzeug/Wurfgerät erkennen. Wer viele Plastikeier, Plastikhühner und Plastikhasen zur Verfügung hat, kann diese in immer neuer Reihe hinlegen und „vorlesen“ - natürlich immer von links nach rechts! Ich habe für verschiedene Laute jeweils mehrere Bilder, die ich verknüpft mit einer Lautübung zu Reihen lege und vorlesen lasse: Feder, Feder, Feder, Fahne, Feder, Fahne, Fahne, Feder, Fisch...  

 

Natürlich kann man genausogut die sieben österlichen Motive zu Reihen legen und sich vorlesen lassen.  Siehe ganz unten auf dieser Seite...

 

Die Beachtung der Reihenfolge (Serialität) lässt sich an dieser Stelle gut ergänzen:  ich kann mithilfe der Bildchen eine Reihenfolge vorgeben und das Kind weiterlegen lassen: Feder, Feder, Fahne, Fahne, Fisch, Fisch, Feder, Feder ...  Sollte die Farbgebung stören, vereinfache ich das Spiel und nehme nur weiße Bildchen. Zu Ostern lege ich dann eben meine Reihe aus: Nest, Ei, Nest, Ei, Nest, Ei ... und mit drei Elementen: Löffel, Eierbecher, Ei, Löffel, Eierbecher, Ei, Löffel ... oder in anderen Variationen.

Auf der Ebene der Graphomotorik lassen sich gut Muster fortsetzen. Ich habe Euch 2 große Eier kopiert. Bei dem Ei, auf dem wenige Muster vorgegeben sind, können die Kinder ihre eigenen Muster gestalten. Wer Ausstanzer hat, kann auch mit kleinen ausgestanzten Bildern von Blume und Hase Mustereier kleben o.ä.

 

Ob ich noch eine Übung zum Abruf einbaue, hängt von der Kapazität des Kindes ab. Manchmal helfe ich auch dem Kind verbal bei der Wiederholung der Reihenfolge: Strich, Kreis, Strich, Kreis usw. während es eine Musterreihe malt.

 

Für den Aufbau einer guten Mengenvorstellung bieten sich Ostereier an, am liebsten natürlich Schoko-ladenostereier. Ein Spiel wird draus, wenn viele Ostereier auf dem Tisch liegen, ein Kind mit dem Dreier-würfel wirft und eine entsprechende Menge nehmen und in sein Nest legen darf  (wohin? In das Nest/ in den Korb.  Herr Motsch lässt grüßen! Frau Berg sagt dazu: die Wortsuche ist viel einfacher für Kinder mit Wortabrufproblemen, wenn wir ihnen 2 Alternativen vorgeschlagen: wohin, in den Korb oder in das Nest?  Auf diese Frage hin können die Kinder viel besser antworten, weil ihnen das wichtige Wort nochmals genannt wird und sie nicht in den Tiefen ihres Gedächtnisses nach dem Wort suchen müssen. Ich nenne diese Hilfe Eselsbrücke. )

 

Zur Übung der  Mundmotorik eignen sich die Pustehasen bestens, ich habe häufiger ein Kind hellauf lachen hören, wenn der Hase einen Purzelbaum geschafft hat (von beiden Seiten anpusten!).

 

Für die Artikulation sticht der Hase mit seinem medialen /s/ heraus. Sprechmalverse können dies unter-stützen: „Auf der Wiese sitzt ein Hase, mit großen Ohren, roter Nase.“

 

Die Phonologische Bewusstheit findet ihre Aufmerksamkeit in Oster-Bilderbüchern in Reimform. Auch kann man aus diesen Bilderbüchern wichtige Bilder von einzelnen Gegenständen erstellen, diese besprechen (Wortschatzaufbau) und für die Vorschüler die Bilder nach ihrer Silbenanzahl sortieren. Wer die Silbenzahl klatschen will, sollte aber den Kindern mit einer auditiven Merkschwäche unbedingt die Möglichkeit geben, die Silbenzahl auch mit den Fingern zu zeigen. Einige Kinder brauchen unbedingt diese externe Merkhilfe! Schließlich lässt sich bei  den Einzelbildern auch noch überlegen, mit welchem Anlaut die Benennungen beginnen.

 

Bleibt neben dem Sprachverständnis noch die Verbale Entwicklungsdyspraxie zu erwähnen.  Die VED kommt selten vor. Die Ausführung von Sprechbewegungsabläufen gelingt  dem Kind schlecht, die Koordination der vielen am Sprechen beteiligten Muskeln ist erschwert. Einzellaute können besser gesprochen werden als Silben und Wörter. Daher setzt die Therapie beim intensiven Üben von Lautkombinationen an. Ihr Ziel ist die Automatisierung von Bewegungsabläufen, sodass diese nicht mehr in ihrem Verlauf geplant werden müssen, sondern der Abruf und die artikulatorische Umsetzung automatisch erfolgt. Die Kinder fallen dadurch auf, dass längere Wörter ganz schlecht gelingen und kürzere Wörter in starken Variationen wiedergegeben werden: ein Korb ist dann porp, borp oder dorb – oder wird richtig ausgesprochen. Erkennbar sind auch Suchbewegungen bei der Artikulation.

Da ich für jüngere Kinder eine intensive Übung sinnleerer Lautabfolgen, z.B. m-f-m-f-m-f  nicht für sehr vorteilhaft ansehe, halte ich die Orientierung an kurze Wörtern für sinnvoller – vor allem, wenn man diese mit Bildmaterial darstellen kann. Dazu sind auf dem nichtösterlichen Arbeitsblatt unten fünf Zweisilber abgebildet, die wir jeweils dreimal sprechen.  - Mit einem Kind habe ich eine Tabelle erstellt und überlegt, wie oft wir insgesamt sechs  ein- oder zweisilbige Wörter jeweils sprechen wollen. Entsprechend haben wir Striche in die Tabelle gemalt, und das Kind hat wirklich jeden Strich einzeln abgearbeitet, d.h. entsprechend oft jedes Wort gesprochen –mit meiner leisen  Hoffnung, dass sich das jeweilige Bewegungsmuster im Gehirn festsetzt.