Phonologische Bewusstheit


Die Phonologische Bewusstheit hat sich als fester Begriff eingebürgert, um Übungen zu charakterisieren, die die Aufmerksamkeit der Vorschüler von der inhaltlich/semantischen Seite auf die sprachliche Seite der Wörter lenken. Früher gehörte dies zur Schulvorbereitung unter dem Begriff Leselernvoraussetzungen mit dazu!

Die Phonologische Bewusstheit umfasst für mich ( und ist im folgenden Text dargestellt ):

  • Reime
  • silbenweises Sprechen  u.a. Silbenspiel mit 3 Vögeln
  • Dehnsprechen
  • Zusammengesetzte Nomen (Hauptwörter)
  • Unterscheiden von verschiedenen Anfangslauten u.a. kleiner Test, Einführung: Unterscheidung von Anfangslauten

In meiner Sch-Ideensammlung findet sich ein eigenes kleines Kapitel mit Materialien zur Förderung der phonologischen Bewusstheit im Rahmen der Therapie des Lautes sch.         Anhand dieser Ideen kann man sich für die Therapie anderer Laute ähnliche Spiele ausdenken!

 

Zum ersten Begriff "Reime" ein kleines Erlebnis: im Kindergarten sitzen 2 Mädchen auf dem Boden, umgeben von ganz vielen hübschen Bildkarten. Ich erkundige mich, wie das Spiel geht. Sie erklären mir: "Wir müssen uns merken, was zusammenpasst"  - reichlich viel verlangt bei der großen Anzahl der Bilder! Wie die Bilder zusammenpassen sollen, wissen sie nicht.

Es ist für mich leicht erkennbar, dass das Spiel um Reime geht. Ich setze mich kurz dazu und frage die Vorschülerinnen nach ihren Namen. Zu jedem Namen denke ich mir einen kleinen Zweizeiler aus mit Endwörtern, die sich reimen. Daraufhin sagt das eine Mädchen: "die Bilder müssen sich reimen!" Sie haben ja schon viele Reime in allen Variationen im Kindergarten erlebt!

Nun nimmt sich das andere Mädchen ein Bild und sucht nach der passenden Karte. Da sie diese nicht findet, lege ich 4 Bilder zu einer Gruppe zusammen und frage: "Reimt sich das, klingen die Wörter ähnlich: Fisch - und Pfanne? nein!   oder Fisch und Schuh? nein !  oder Fisch und Tisch? Ja, das reimt sich. Fisch und Tisch, Fisch und Tisch, Fisch und Tisch, das klingt gut!"  Bald verlasse ich sie und lass sie alleine weiter Reimpaare finden.

 

Reime:

  • wir zeigen einen Gegenstand hoch und überlegen ein Reimwort. Noch einfacher ist es mit den Körperteilen anzufangen und die Hand zu heben und zu fragen: "was reimt sich auf Hand, was klingt so ähnlich wie Hand".  Der Sand, die Wand, der Rand vom Tisch, das Band ...
  • auf dem Tisch liegen 8 Bilder, die zusammengelegt 4 Reimpaare ergeben. Ich sortiere sie untereinander: links 4 und rechts 4! nun nehme ich eines der Bilder und lege es in die Mitte: "Das ist eine Pfanne - was klingt so ähnlich wie Pfanne, schaut mal bei diesen 4 Bildern." Wir gehen alle 4 Wörter durch und überlegen gemeinsam, ob jedes Wortpaar ähnlich klingt. Haben wir das Reimwort gefunden, legen wir beide Bilder nebeneinander in der Mitte zwischen beiden Spalten ab. Dann kommt das nächste Bild dran, wir benennen es, legen es in die Mitte und überlegen, welches Bild aus der rechten Spalte dazu passt.
  • manche Kinder lieben Quatschreimwörter und sind da sehr kreativ!  Es geht darum, dass sie die formale Seite der Wörter beachten und das tun sie mit Quatschwörtern wunderbar - ein Kind reimte heute Katze - Hatze!
  • Jedes Gedicht, Lied, jeder Vers - auch Sprechmalvers - , der saubere Reime hat, hilft dem Kind intuitiv, mit dieser Seite der Sprache aktiv umzugehen.

 

Silbenweises Sprechen:

  • Jeder Abzählvers ist so angelegt, dass man ihn silbenweise sprechen kann.
  • Daher sind die Abzählverse mit einsilbigen Wörtern zunächst am besten :  Mi ma mu - raus bist du, oder: ich such die Maus und du gehst raus.
  • Abzählen von Gegenständen oder Kindern und gleichzeitiges silbenweises Sprechen will gelernt sein. Es sollte jede Gelegenheit genutzt werden, Kinder etwas abzählen zu lassen.

Ich denke mir gerne spontan einen Abzählvers aus, er muss sich nur auf du bist drandu musst sein  oder  du bist raus  reimen und sollte auf die Situation der Kinder abgestimmt sein.  

Dazu ein gerade erdachter Vers: 8 Kinder sitzen im Kreis, ich spreche ganz leis, 8 Kinder schauen mich an - du bist dran!

 

Passend zum Frühling habe ich mir ein Silbenspiel mit 3 Vögeln für Vorschüler ausgedacht (bitte auf DinA 4 vergrößern oder eigenen Spielplan mit den Kindern gestalten!) :

 

 

Dehnsprechen:

Was ist darunter zu verstehen?

In der Leselernsituation nennt ein Kind Buchstabe für Buchstabe den entsprechenden Laut,      z.B.   /b/    /a/   /d/   /e/   /n/  -  daraus muss es dann das Verb "baden" erkennen und alle Laute schnell hintereinander sprechen.

Das Erkennen der Wörter können wir schon im Kindergarten (oder in der Sprachtherapie nebenher) mit Vorschülern üben.

Ich lege 3 Bildkarten auf den Tisch und spreche den Namen eines der Abbildungen langsam, also gedehnt. Danach frage ich: "Zeigst du mir das Bild, das zu meinem Wort gehört?" oder: "Zeigst du mir das Wort, das ich eben gerufen habe."

 

Zusammengesetzte Nomen (Hauptwörter)

Läge jetzt (Febr.) doch noch etwas Schnee, würde ich Ihnen: Schnee + Ball, Schnee + Mann, Schnee + Berg usw. anbieten, damit Sie verstehen, um welche Wörter es sich handelt.

Stattdessen diese Idee: Im Stuhlkreis können Sie ja gemeinsam überlegen, was für Kinder es eigentlich gibt: Vogelkinder, Menschenkinder, Katzenkinder, Bärenkinder, Kuhkinder (wie heißen die noch?), Hühnerkinder (und die?), Löwenkinder  ... vielleicht haben Sie auch ein Tierkinderlotto ... oder sprechen davon, dass im baldigen Frühling neue Schafkinder / Lämmer auf die Welt kommen, es aber auch auch Schneckenkinder, Raupenkinder, Froschkinder gibt usw.

 

Unterscheiden von verschiedenen Anfangslauten

Dieser Bereich weist am deutlichsten auf die Schule hin.

In einem Kindergarten hörte ich vor längerer Zeit, wie die Erzieherin die Kinder bat, ein Wort zu sagen, das den gleichen Anfangsbuchstaben wie der eigene Name hat. Dieses zum Namen passende Wort war die "Eintrittskarte" für den Rhythmikraum. Für die Kinder, die nicht so recht wußten, machte sie ein kleines Rätsel, die Antwort entsprach dann dem gewünschten Wort!  Robert könnte gebeten worden sein: nenne mir einen Mann, der früher gelebt hat und dessen Rüstung bei jedem Schritt klapperte und lärmte (Ritter).

 

Viele Kinder können bereits ihren eigenen Namen schreiben, einige sind auch mit 5 Jahren noch unsicher. Diesen Kindern schreibe ich ihren Namen auf das frisch gemalte Bild und spreche dabei jeden Laut, einfach nur so !

Frage ich bei den Nameschreibenden Kindern nach einem Laut, z.B frage ich Robin: "zeigst du mir das R in deinem Namen", so können dies die wenigsten Vorschulkinder. Das heißt für mich, dass sie ihren Namen als Schriftbild mit mehreren Teilen optisch erfasst, auswendig gelernt und dies reproduziert haben. Sie haben somit noch keine Vorstellung davon, dass den Buchstaben (Graphemen) jeweils ein Laut (Phonem) entspricht.

 

Will ich den Vorschulkindern vermitteln, was ein Anfangslaut ist, muss ich mir ein Spiel ausdenken, das dies verdeutlicht.

  • Am besten schicke ich verschiedene Kinder los, die eine Schere, einen Schuh, einen Schal, eine Schultasche - gibt's in den meisten Puppenecken - und ein Schaf holen sollen. Die Namen von den Gegenständen sprechen wir alle miteinander, dabei wird der Anfangslaut /sch/ besonders deutlich gesprochen, damit alle Kinder verstehen, dass der Anfangslaut bei diesen Gegenständen immer ein /sch/ ist. Anschließend schicke ich weitere Kinder auf die Suche nach einem Korb, einer Kiste, einer Kuh, einer Kartoffel, einer Kordel und einer Katze. o.ä.  Wieder sprechen wir die Namen aller Gegenstände und hören, dass sie ein kurz gesprochenes /k/ am Anfang haben. Nun muss ich beide Anlaute gegeneinanderstellen:  "Sch, sch, sch - schaut mal auf meinen Mund, da gehen die Lippen nach vorne - die ersten Gegenstände haben alle ein Sch- am Anfang.  K K K , das ist ganz kurz, ich spüre, dass der Laut weit hinten in meinem Mund entsteht. Sprecht mal alle mit: K K K   und jetzt sch, sch, sch -  die sind ganz schön unterschiedlich!"  Zum Schluß können dann alle gesammelten Gegenstände auf 2 Haufen sortiert werden, je nach Anfangslaut.
  • Schwieriger wird es schon, wenn ich die Kinder nach einem Gegenstand mit einem bestimmten Anlaut frage, z.B. stehen vor uns 3 Tiere: ein Pferd, eine Kuh und ein Schwein. Nun erzähle ich: "Ich sehe ein Tier, das mit /pf/ anfängt - welches meine ich?" Wissen die Kinder es nicht, frage ich genauer: "-Pferd- fängt das mit Pf an?" Gut ist es am Anfang, die Lippen-/Dentallaute zu nehmen, da die Kinder diese an meinem Mund ablesen können, z.B. Bär, Panda, Maus, Fohlen und eben Schwein!

 

Zur Erfassung der Lautdifferenzierungsfähigkeit der Vorschüler habe ich mir einen kleinen Test ausgedacht. Es beginnt ganz einfach:

 

Phonematische Bewusstheit im engeren Sinne:    Anfangslaute hören      (Th.Hiller Juni 2012)

1. "Hier liegen 3 Bilder: ein Mann, ein Fisch, eine Leiter. Ich sehe ein Bild, das fängt mit /f/ an."

 

Nun wird es deutlich schwieriger:

 

2. "Das ist ein Löffel, ein Schuh, ein Flugzeug, eine Säge, ein Korb - dein Name fängt mit ... an ( nicht bei allen geübt!),  sagst du mir, womit dies Wort anfängt? Das fängt mit  ?   an"   --> nur noch zeigen!   H = Hilfe

Name

Alter

1. Hören

2.dein Name fängt... = geübt

Löffel

Schuh

Flugzeug

Säge

Korb

Bemerkungen

 

6;07

+

 

+

+

+

+

+

 

 

6;06

+

v

+

+

+

+

o / k   +

 

 

6;05

+

 

+

+

+

+

+

ZFG 5;04 -5;07 mit 6;05

 

6;00

-  /  +

 

+

+

+

+

+

 

 

6;00

+

v

e           H

Schuh    H

Lei       H

-           H

-           H

nicht verstanden

 

6;00

+

 

Löffel   H

Schuh/+  H

Flugz./+ H

+

+

sie hat es gelernt oder umgeschaltet!!!

 

5;11

Mann Leiter

 

 

 

 

 

 

schon der erste Teil ging nicht

 

5;11

+

 

+

+

+

+

+

 

 

5;10

bei dem Schiff

v

S          H

Schuh   H

Sch        H

S  

Sch

???

 

5;10

+

v

Löffel   H

Es         H

+

+

+

sie hat es gelernt oder umgeschaltet!!!

 

5;09

Mann,

dann  +

v

Lo 

+

lug

Ko

sagt die Anfangssilbe

 

Bei 2 Mädchen machte ich interessante Beobachtungen:

Beide lösten den ersten Teil souverän und zeigten mir den Fisch.

Beim 2. Teil lernte die erste Vorschülerin durch zweimalige Hilfe schnell, worum es ging und konnte die Anfangslaute von der Säge, dem Flugzeug und dem Korb selbständig nennen.

Die 2. Vorschülerin lebt noch sehr auf der Bedeutungsebene und suchte trotz meiner Hilfen nach einem Geräusch, das zu den Gegenständen passt. Dementsprechend meinte sie beim Schuh: "stampfen", machte das Geräusch vom Flugzeug und der Säge und dachte sich für den Korb irgendein Geräusch aus, zu dem ich keinen Zusammenhang erkannte. Und das, obwohl ich ihr jedes Mal den richtigen Anfangslaut nannte. Sie achtete nicht darauf und war viel zu sehr mit ihrer eigenen Idee beschäftigt.

 

Ein weiterer Junge löste alle Aufgaben souverän und sagte bei den letzten beiden Wörtern zusätzlich:

S   - ä - Säge  und K  - o - Korb, hat also das Prinzip der Synthese, d.h. das Aneinanderfügen mehrerer Laute bereits verinnerlicht.  Als ich ihn fragte, ob er die Laute von seinem Namen schon kenne, bejahte er, ich schrieb seinen Namen auf  (7 Grapheme) und er nannte mir alle Laute!

Einführung: Unterscheidung von Anfangslauten  -  ein Beispiel im Kindergarten

Um eine Vorschülerin ist mir etwas bange.

Daher habe ich nach Weihnachten versucht, sie für Reime zu sensibilisieren - vergeblich.

Um Ostern herum haben wir silbenweises Klatschen geübt - sehr erfolgreich!

Nach Pfingsten nahm ich mir die Anfangslaute vor, um ihr das wichtigste Rüstzeug für die Schule an die Hand zu geben. Vor einer Woche habe ich ihr immer 3 Bildkarten hingelegt, die Namen der abgebildeten Gegenstände ganz deutlich und langsam vorgesprochen: Leiter - Banane - Koffer und dann gefragt: Welches fängt mit B- an, Leiter? Banane? Koffer? Fehlanzeige, sie riet und schaute mich immer nur fragend an!

Gestern nun nahm ich die Sprechlernspiele mit, ein längst vergriffenes Spiel von Ravensburger, das ganz fest in meinem Repertoire verankert ist. Ich zeigte ihr - und ihrem kleinen Bruder, der vor einem 3/4 Jahr aus Ängstlichkeit bei ihr blieb und seither im Rahmen einer "Doppeltherapie" für beide immer mitkommt  -  11 Bilder und nannte den Namen: Fahne, Feder, Fuss, Fenster, Fass. Bei jedem Wort betonte ich den Anfangslaut gut sichtbar, indem ich für den Laut /f/ lange die oberen Zähne auf die Unterlippe legte. Sie schaute mich an und hörte zu. Der kleine Bruder imitierte mich und legte auch die oberen Zähne auf die Unterlippe. Beim folgenden Wort machte die Vorschülerin mit und sagte mit gedehntem /f/ "Fuchs". Die restlichen Wörter sprachen wir mit gutem /f/ gemeinsam, soweit die Kinder mit deutsch als Zweitsprache die Begriffe kannten.

Nun zeigte ich alle 11 K-Wörter und sprach die Wörter überdeutlich und mit gleichbleibender Mundmotorik.

Anschließend legte ich 2 Lottokarten, mit 12 Feldern und je einem Jungengesicht (schwarz-weiß) mit deutlichem Mundbild darauf. Das eine Mundbild zeigte deutlich die Bildung des Lautes /f/, das andere die des /k/. Die Einzelkarten wurden gemischt und von der Vorschülerin alle exakt ohne lange Überlegung richtig gelegt, manchmal sah ich, wie sie leise die Namen lautierte.

Damit nicht genug: ich machte mir eine Notiz, sie übernahm plötzlich die Regie des Spiels und meinte: "Warte, erst Mal machen wir so und du schreibst weiter bis das Ende - und nicht kucken" Kurz darauf: "Jetzt kucken -  was ist falsch?" Tatsächlich entdeckte ich auf beiden Karten ein falsches Bild, das nicht den notwendigen Anfangslaut hatte. Davon angespornt sollte ich wieder schreiben und nicht kucken, und sie vertauschte viele Karten. Ob sie wohl genau achtgab und nichts doppelt vertauschte? Ich machte ihr Spiel gerne mit und  nahm eine Karte nach der anderen und sagte, dass sie auf der falschen Lottokarte lägen. Bis auf eine Karte auf jeder Seite war alles ausgetauscht. Bravo!