Baum  -  Uhr  -  Tor  -  Boot   -   lautlich einfache Wörter !!!       v.Th.Hiller


In jüngster Zeit rücken vermehrt Kinder in den Blick, die besonders spät zu sprechen beginnen.

 

Welche Kinder sind gemeint?

 

Kinder, die bereits 2 Jahre alt geworden sind und nur wenig mehr als „Mama“, „Papa“,  „da“,  „ja“  und  „nein“  sagen können.

 

Seit vielen Jahren kümmere ich mich um diese Kinder: sie sind meistens bereits 3 Jahre alt, bis die Unruhe der Eltern so groß geworden ist, dass sie sich an das Sprachheilzentrum Calw wenden - dort bin ich dann für die ganz Kleinen zuständig. Fast immer sind es Kinder, die pfiffig sind und mir in ihrem Spielverhalten zeigen, dass sie lebendige, altersgemäße Ideen haben, und dass sie mich verstehen, wenn ich mit ihnen spiele und dabei über die Bauernhoftiere oder die Einkäufe am Kaufladen spreche.

 

Und dennoch übersteigt ihr Wortschatz kaum 10 Wörter  -  was ist zu tun ?

 

Zunächst ist es wichtig, die Eltern zu informieren, dass sich die Sprachentwicklung vom Einfachen zum Schwierigen vollzieht. Bloß, was ist einfach, was ist schwierig?

 

Kurze Wörter sind einfach !

Wörter, die mit vielen Vokalen und Lippenlauten gebildet werden, sind einfach !

Und auf der Satzebene: Zwei-Wort-Sätze sind einfach, und gleichbleibende, kurze Satzmuster sind einfach!

 

Da die Kinder nicht von alleine die Sprachstrukturen der gehörten Sprache erkennen können, muss ich auf allen Ebenen wieder zu einfachen Strukturen zurückkehren :

Ich biete ihnen lautlich einfache Wörter an - sie finden sich vor allem in dem von uns entwickelten ANNA – Buch. Ebenso sind die Sätze möglichst gleichförmig und einfach, die ich für die Kinder formuliere: „Pferd komm“, „Schaf komm“,  „Hund komm“ ..., oder beim Tischdecken: „Wir haben einen Teller“, „wir haben ein Messer“, „wir haben...“

 

 


 

 

leichte Zweisilber:   Eimer   -     Mühle       -           Feder             -           Welle

 

 

Und dennoch:
Jedes Kind, das ich bisher erlebte, ging seinen eigenen Weg.

Ein Dreijähriger blieb lange bei der Vokalsprache und bevorzugte auch in seinen kleinen Sätzen hauptsächlich die Vokale. Er sagte: „o - ü“ . Er sagte das gleiche wie ich: „Frosch hüpf“ und meinte die kleinen Chips, die wir als Frösche in den See springen ließen. Die mundmotorischen Bewegungen für die Konsonanten mussten wir erst mühsam aufbauen.

Ein Mädchen konnte die verschiedenen Konsonanten mühelos sprechen, blieb aber lange auf der Ebene der Einsilber stehen und bildete Zweisilber zunächst nur durch Verdoppelung: „nunu“ = Nudel oder reinen Konsonant-Vokal-Wechsel: „Oli“.

Ein dreijähriger Junge brachte alle 2 Wochen ein neu gelerntes Wort mit, da es ihm besonders wichtig war, z.B. „Nina“, die Freundin der großen Schwester.

Ein weiterer Junge drückte gerne Tätigkeiten aus und erweiterte seinen Wortschatz bevorzugt durch Verben: „da essen“, „lafen“ (=schlafen), „tinten“ (=trinken).

Bei allen Kindern ist es ein langer und mühsamer Weg.

Überall ist zum Glück bald ein Lernzuwachs zu erkennen, und mit der Zeit sind auch diese Kinder in der Lage, das grob auszudrücken, was sie mit ihrem meist inzwischen vierjährigen Verstand denken. 

Und wenn es über so große Umwege gehen muss, wie bei diesem vierjährigen Jungen:

Er kaufte mit dem Papa ein, blieb vor dem Müsli stehen und meinte: „i das bäh ne !“

Er hatte erst einen geringen Wortschatz, der nur einsilbige Wörter enthielt. Aber seine Satzstruktur ließ erkennen, dass er komplizierte Umwege gehen konnte, um das auszudrücken, was ihm im Moment wichtig war: Er sagte mit doppelter Verneinung, dass er das Müsli gerne möge und hoffte, dass der Vater diesen indirekten und dezenten Hinweis verstehen und ihm das Müsli kaufen würde.      

 

Auch wenn diese Kinder den anderen noch längere Zeit sprachlich unterlegen bleiben, sind es glücklicherweise  kommunikative und fröhliche Kinder !

 

Theda Hiller

 

 

 

Übrigens: auch Tierlaute sind wunderbar einfach zu sprechen : muh, mäh, wau, hühü...

 

 

erschienen in: Die Sprachheilarbeit Jg.53  (2)  April 2008,  S. 123-124