Frühe Förderung mit lautlich einfachen Wörtern                   v.Theda Hiller         www.sprachanfang.de

 

Der Sprachaufbau erfolgt nach zwei Grundprinzipien:

 

1. vom Einfachen zum Komplexen

2. von wenigen Wörtern:

  • zum Aufbau richtiger grammatischer Strukturen,
  • zum Ausbau des Wortschatzes und
  • zu der richtigen Aussprache aller Wörter.

Durch diese Grundprinzipien wird aus einem hörenden, nicht sprechenden kleinen Wesen innerhalb von 2-3 Jahren ein gut und versiert die Sprache gestaltender, kommunizierender kleiner Mensch.

 

Hören und verstehen, neugierig und aufmerksam sein sind die Grundvoraussetzungen dafür, dass ein 8-9 Monate altes Baby lernt, dass es für Gegenstände eine Benennung / Bezeichnung gibt. Bei den Worten: „Schau, der Ball“ wendet das Baby suchend den Kopf, bis es den Ball entdeckt hat. Auch Wörter, die eine Situation versprachlichen, lernt es zu verstehen, z.B. „heiß“ oder: „Der Opa fährt mit dem Auto weg.“ Beeindruckend ist immer wieder, Mütter zu beobachten, die ohne nachzudenken zu dem Baby in kurzen Sätzen, mit der Betonung auf einzelne wenige Wörter und mit einer insgesamt verlangsamten und deutlichen Sprache sprechen. Diese Ammensprache hilft dem Baby bei der Entdeckung der einfachsten Merkmale der Sprache.

 

Aufbauend auf diesem Verständnis versucht das ca. einjährige Kind allmählich, selbst Wörter zu äußern – vorausgesetzt die Mundmotorik ist weit genug ausgereift. Am Einfachsten gelingen normalerweise Vokale und Lippenlaute wie in : „Mama / Papa“. Mit zunehmender Hör- und Sprecherfahrung treten zumeist mit Lippen und Zähnen gebildete Laute (Labiodental- und Dentallaute) hinzu – das Lautrepertoire differenziert sich aus. Gleichzeitig wächst das Wortrepertoire, das Kleinkind benennt Gegenstände („ato“ = Auto), Tätigkeiten („bum“ = hämmern oder auch hinfallen), Verhältnisse („hoch“ = ich möchte auf den Arm genommen werden) und konzentriert sich mit seiner Aussage auf das Wesentliche: „Heidi Baby“ = Heidi hat ein Baby bekommen oder „heim au“ = das haben wir daheim auch, oder „Opa bum“ = der Opa hantiert mit dem Hammer. Bald sind neben der ersten einfachsten Satzstellung auch einzelne morphologische Formen (als Wortganzheit gelernt) erkennbar: „laft“ = Der Teddy schläft.

Die meisten meiner Beispiele stammen von einem jetzt 2 ¾ Jahre alten Mädchen, das mit 2 ¼ Jahren gut 10 Wörter sprach.

 

Im lautlichen Bereich beginnen die Kinder mit dem Einfachen / Wenigen und erweitern stetig :

  • es gelingen erst einfach zu sprechende Laute wie /m/, /b/, /h/, /d/, /a/, /e/ in: da, ja, ee, me
  • Wörter werden verkürzt: „mi“ =Milch, „beb“ =Bett, „ne“ =Schnee, „fi“ =Fisch, „do“=doch,
  • einsilbige Wörter werden bevorzugt: da, ja, ne (für nein), Tee, Baum, Ball, Mann, Ei, mein
  • ihnen folgen sehr einfache Zweisilber: Oma, Opa, Popo, Baby, hallo,
  • am Wortanfang stehen oft /h/, /d/ oder /b/, stellvertretend für andere Konsonanten
  • Zweisilber werden vereinfacht: „wawa“ =wauwau, „ato“= Auto, „hahe“ =Hase, „dede“ =Decke, „eppe“ =Treppe,
  • Drei- und Mehrsilber werden verkürzt: „lade“ =Schokolade, „bane“ / „nane“ =Banane, „babler“ =Gabelstapler

 

Der Wortschatz bezieht sich auf das Selbsterfahrbare: Körperteile, Essen, Tiere, Spielzeug, Namen von Familienmitgliedern und erweitert sich mit dem, was das Kind in der Familie und seiner Betreuungsinstitution erlebt.

 

Die Sätze bestehen aus 2 – 4 Teilen, der Wichtigkeit nach aneinander gereiht : „baia au beb“ = Barbara geht auch ins Bett. Sie werden stetig länger und weisen immer mehr richtige morphologische Formen auf.

 

Meine Förderung des sprachentwicklungsverzögerten Kindes zielt auf die Unterstützung des Sprachaufbaus und die Begleitung der Mutter, die das zwei- bis dreijährige Kind zumeist um sich hat oder den Betreuungspersonen die Informationen bezogen auf ihr Kind weitergeben sollte. Aus diesem Grund - auch, damit sich das Kleinkind sicherer fühlt – ist die Mutter immer anwesend und spielt mit oder beobachtet uns.

 

Aus vielfältiger Erfahrung mit lautlich einfachem Wortmaterial entstand ein Bilderbuch, das von dem Mädchen Anna handelt. Anna findet einzelne Gegenstände, deren Bezeichnungen sehr leicht zu sprechen sind. Mein kleines 2 ¼ jähriges Mädchen konnte sehr schnell einzelne Dinge benennen und sagte auch sofort, was sie sah.

Das Anschauen dieses Bilderbuches brachte ihr sofort Erfolgserlebnisse, da sie die Wörter gleich mitsprach, die sie bereits aussprechen konnte. Inzwischen kann sie alle im Buch angebotenen Wörter sprechen, einschließlich des für sie schwierigen Wortes Eimer.

 

 

Zum Bilderbuch mit lautlich einfachen Wörtern existieren alle Gegenstände real, mit denen die Kinder gerne hantieren. Außerdem spielen wir mit Tieren, Fahrzeugen, Puppen, Kochutensilien usw., und ich biete in unserem gemeinsamen Spiel gehäuft lautlich einfache Wörter an. Da sind zuerst die Tierlaute und auch viele Tiernamen, dann Körperteile, die weitgehend einsilbig sind, Gegenstände aus dem Kaufladen oder aus der Puppen-küche oder dem Puppenhaus, aber auch Farben oder Präpositionen, die unsere Handlungen prägnant beschreiben: z.B. zieht der Kran ein Päckchen hoch, wenn wir gemeinsam an der Kurbel drehen, und dazu sagen wir beständig: „hoch – hoch – hoch“. Die Wörter müssen bedeutsam, kurz und lautlich einfach zu sprechen sein! Ich biete sie vielfältig an, denn Kinder mit Sprachentwicklungsverzögerung lernen neue Wörter nicht mehr nebenbei, sondern müssen sie häufig hören, damit sie in ihrem eigenen Wortschatz Eingang finden.

 

Manche Mutter richtet sich ständig mit der Frage an das Kind: „Was ist denn das?“ Darauf kann das Kleinkind mit einem sehr geringen Wortschatz keine Antwort geben, weil es das Wort noch zu selten gehört hat, oder weil es zu schwierig zu sprechen ist - für beide eine frustrierende Situation, für Kind und Mutter! Daher versuche ich, Verständnis für das Kind zu erwecken und bitte, statt zu fragen, viel zu erzählen und Wörter und kleine Sätze (langsam und deutlich gesprochen) anzubieten, statt etwas zu erwarten. Zumeist beteiligt sich das Kleinkind schnell, wiederholt teilweise auch das Gehörte, und es kommt zum Zwiegespräch. Fragt ein Kind: „Mama des?“, so möchte es von der Mutter den Namen eines Gegenstandes hören und gestaltet aktiv die Spiel- und Sprechsituation.

 

  • So erweitert sich allmählich der Wortschatz,
  • die sprachlichen Äußerungen werden länger
  • die Einzelwörter werden besser verständlich ausgesprochen
  • die Grammatik in Syntax und Morphologie wird präziser

und das Kind freut sich über seine wachsende Fähigkeit, an der Kommunikation teilzunehmen.

 

Dort wo Schwierigkeiten auftreten, muss ich mit meinem Fachwissen unterstützen, sei es im Aufbau der Grammatik, in der Verbesserung der Aussprache oder in der Merkfähigkeit für Worte.

 

Bei aller Förderung darf man aber nicht vergessen, dass wir mit sehr jungen Kindern sehr behutsam umgehen müssen und das Spiel eine starke Motivation für das beiläufige Sprachlernen bedeutet.

 

Theda Hiller, Sonderschullehrerin, Dipl.Päd.      

weitere Informationen: www.sprachanfang.de   (u.a. mit Fragebogen für Eltern von zweijährigen Kindern)

 

Einfach zu sprechende Wörter

Im Rahmen meiner Arbeit mit Kindern, die noch nicht oder kaum sprechen können, entwickelte ich eine Liste mit einfachen Wörtern, die diese Kinder schnell selber sprechen konnten.

 

Auch fragte ich Eltern, welche Wörter ihre Kinder zuerst gesprochen haben.

 

Dann probierte ich selbst aus, ob die Wörter, die mir in der Spielsituation einfielen, vom Kind aufgegriffen wurden.

 

Das erste Wort für ein kleines, bereits vierjähriges Mädchen, das sich nur mit e - e - e verständigt hatte, war "leer". Wir suchten für den Kaufladen einen Geldbeutel und schauten in alle Schubladen, ohne ihn zu finden. Dazu äußerte ich jedes Mal dieses einfache und ganz kurze Wort "leer". Da wir in den Dosen weitersuchten, ergaben sich weitere Gelegenheiten, "leer" zu sagen. Nach einiger Zeit unterstützte sie mich. Auch wenn es zunächst einige Wochen wie "hia" klang, waren wir uns einig, dass auch diese Stelle "leer" war und wir den Geldbeutel wieder nicht gefunden hatten.

 

 

Wichtig und leicht zu sprechen sind vor allem die Tierlaute !

 

 

Den Wortschatz erweitert vor allem das ANNA-Buch.

Es enthält Bilder von lautlich einfachen Wörtern, die auch als Memorykarten vorliegen.  

Das ANNA-Buch ist nach einem ganz einfachen System aufgebaut: das Mädchen Anna findet Dinge, die ich benennen und dem Kind als Abbildung zeigen kann. Es sind Ball Uhr Auto Eimer Hammer Ente. Alle Dinge habe ich auch als Gegenstände, aber die Kinder erkennen die Abbildungen im Bilderbuch durchaus - vorausgesetzt, sie lassen sich auf eine kurzzeitige Betrachtung eines Bilderbuches ein. Falls nicht, dienen die Bilder als Anregung, die Gegenstände zu sammeln und dem Kind zu zeigen. Oder eine Spielfigur findet sie - ich hole dann den Bären, da ich bisher keine ANNA ähnelnde Puppe habe.

Im 2. Teil des Buches kommen verschiedene Familienmitglieder an den Tisch und essen Ei, trinken Tee usw.

Schon vielfach habe ich dieses Buch den Eltern mitgegeben - oft wurde es das Gutenachtbuch!  Wer Interesse hat, kann das Büchle per eMail : thjhiller@gmx.de bestellen  - wir haben es im Sprachheilzentrum Calw erstellt und legen es immer mal wieder neu auf. Siehe auch das nächste Unterkapitel...

Aufbauend auf den wenigen ANNA-Wörtern habe ich weitere einfach zu sprechende Einsilber gemalt und diese bald durch leicht zu sprechende Zweisilber ergänzt.

 

Schließlich fielen mir im Urlaub an der Ostsee recht bald Fotomotive ins Auge, die gut geeignet zum Sprechenlernen sind: Hund, Mann, Turm, Meer, Sand, Pilz  usw.              

Über diese einfachen Wörtern berichte ich auch im ersten Kapitel "Sprachanfang" am Beispiel von Leon,

sowie unter Sprachentwicklung --> Baum,Uhr ...lautlich einfach.