Antwort auf die Erwiderung zu meinem Aufsatz :

Baum – Uhr – Boot – lautlich einfache Wörter....              Die Sprachheilarbeit 53 (4), 2008,

                                                                                                                              S.209-210

 

Mich freut, dass mein Aufsatz aus Sicht der Therapie eine Diskussion angestoßen hat, gerne setze ich sie fort...

 

Deutlich wurde mir aufgrund der Erwiderung von Fr. A. Kurth, Fr. J. Gies und Fr S.Ott (Uni Potsdam), dass der Sprachanfang bei sprachentwicklungsverzögerten Kindern noch komplizierter ist als derjenige in der normalen Sprachentwicklung. Denn: Sprachentwicklung und Hörverständnis driften bei ihnen stärker auseinander, d.h. ein bereits dreijähriges Kind, das erst 10 – 20 Wörter spricht, ist nach meiner Erfahrung sehr oft in der Lage, auch komplexere Sätze zu verstehen – von den Eltern hört man: „die verstehen alles“. Somit verfügen die Kinder bereits über einen deutlich größeren passiven Wortschatz und haben natürlich bereits das Wissen, dass jedes Objekt nur einen Namen hat, verinnerlicht.

 

Vermutlich werden noch einige Forschungsprojekte über die Sprachentwicklung ins Land gehen, ehe wir dem Problem der extrem geringen aktiven Sprachbenutzung näher kommen, und ehe wir daraus  Schlüsse für die konkrete Förderung ziehen können.

 

Aus meinen Erfahrungen mit Kindern am – verspäteten – Sprachanfang wird deutlich:

  • Die Entwicklungsverläufe der Kinder sind äußerst unterschiedlich.
  • Ihr Kommunikationsinteresse besteht.
  • Das Hörvermögen ist gut bzw. leider auch häufiger: eine Höreinschränkung liegt vor, sodass Maßnahmen ergriffen werden müssen, evtl. auch eine OP der Rachenmandeln mit Einsatz von Paukenröhrchen. Meine Förderung muss eine entsprechende Beratung mit einbeziehen.
  • In den allerersten Anfängen werden den Kindern möglichst viele Einsilber angeboten. Zweisilber, die überwiegend sowieso trochäische Betonung haben, werden einbezogen, sind häufig aber noch eine Stufe zu schwer!
  • Der Schwerpunkt liegt tatsächlich zunächst einseitig auf der Wortschatzerweiterung, aber leider ist bei diesen Spätentwicklern kein Wortschatzspurt mehr zu erwarten (sie sind ja schon drei!), den ich nur anstoßen müsste. Es handelt sich um die übrig gebliebenen 20-30%  ( je nach Literatur ), die ihre sprachliche Entwicklung nur sehr langsam vollziehen und nicht jeden Tag 4-5 Wörter, sondern alle 4-5 Tage ein Wort dazu gewinnen.
  • Einige Kinder entwickeln durchaus schnell erste Wortkombinationen: „Opa bumm“ ( der Opa hat mit einem Hammer hantiert, erklärt die Mutter!), „da Bär“ ... von Subjekt-Prädikat-Objekt-Sätzen sind wir noch meilenweit entfernt. Auch wenn sich erste morphologische Formen finden, etwa die erste Person Singular als generalisierte Verbform statt der Infinitivform, ist eine „Therapie grammatischer Leistungen“ noch unmöglich.
  • Der Input ist keineswegs verarmt, da ich mit den Kindern in einfachen ganzen Sätzen rede, dabei aber darauf achte, welche Wörter ich ihnen anbiete: „Die Tür ist zu“, nicht: die Tür ist noch verschlossen. „Ich möchte Reis“, nicht: Ich möchte von dir die Packung Kartoffelbrei kaufen. Die Chance, dass die Kinder bei der Kürze der Sätze und der Betonung  einzelner Wörter diese evtl. auch zu sprechen versuchen, ist einfach größer.
  • Die Therapie verläuft als handlungsbegleitendes Sprechen im Spiel. Zur Erweiterung des Wortschatzes werden  den Kindern die Namen von den Dingen, denen gerade ihr Interesse gilt, angeboten oder ihre Tätigkeiten kommentiert. Manchmal werden dann auch mal ein paar Bildkarten mit Einsilbern als Steine auf einen Laster geladen oder als Fische in einen Eimer geangelt, je nachdem, ob sie meine Spielidee aufgreifen oder nicht.
  • Die wesentlichen Gesprächspartner und Sprachförderer für die spät sprechenden Kinder sind die Eltern und die Erzieherinnen. Ihnen muss ich vermitteln, wie komplex und teilweise schnell sie mit den Kindern reden. Zum Aufbau eines aktiven Sprachverhaltens der Kinder sollten sie durch Vereinfachungen und Betonungen einen sich wiederholenden und nicht zu umfangreichen Wortschatz anbieten.
  • Den Eltern versuche ich auch zu vermitteln, dass wir auf 2 Ebenen mit den Kindern umgehen: Zur Erweiterung des passiven Wortschatzes können wir anhand des Alltagsgeschehens, anhand von Spielen oder Bilderbüchern mit den Kindern normal, d.h. kindgemäß, reden. Zur Erweiterung des aktiven Wortschatzes hat diese bei ihnen seit 2 Jahren praktizierte Gesprächsform eine Sprachentwicklung nicht voran getrieben, wir müssen also nach anderen Wegen suchen und den Weg der lautlich einfachen, kurzen Wörter in kleinen, einfachen Sätzen versuchen.
  • Netterweise kommen mit den kleinen Dreijährigen trotz ihres geringen Wortmaterials durchaus kleine Gespräche zustande: Am Kaufladen fragt der Verkäufer Jan: „Das?“ und ich bestätige: „Ja, ich möchte Käse. Was kostet der?“ Darauf Jan: „Euo“(Euro) und zeigt einen Finger. Das Wort Euro hat er aufgrund unserer Kaufladengespräche gelernt, dadurch ist er bei einem Wortbestand von gut 30 Wörtern angekommen.

 

Gäbe es einen Schlüssel, der für alle Spätentwickler passte, wäre vielen Kindern ( und Therapeuten ) geholfen. Bis dahin werden wir weiterhin die sehr individuellen Entwicklungswege begleiten und erst nach dem Aufbau eines Wortbestandes unsere Schwerpunkte  auf die Lautanbahnung und / oder grammatische Förderung verlagern können.

 

Um es nochmals zu betonen, es geht bei diesen Kindern mit sehr spätem Sprachanfang nicht darum, dass der Knoten platzt, sondern dass ein mühsamer Weg des Sprachaufbaus mit einfachen Sprachangeboten unterstützt wird. Und meine Unterstützung mit lautlich einfachen, kurzen Wörtern bezieht sich auf die erste Wegstrecke, auf der wir uns alle miteinander freuen, wenn einzelne Wörter dazu gelernt wurden.

 

Theda Hiller

Sprachheillehrerin und Diplompädagogin, Calw

 

Übrigens: auch Körperteile sind weitgehend kurz und leicht zu sprechen:

Der Bär heißt Tom  (mit ganzem Namen Tom Troll von Pelz, aber so nennen nur meine Tochter und ich ihn!),                          und Tom hat: