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Selektiver Mutismus bei Erst- und Zweitsprache  - ein Erfahrungsbericht über fast drei Jahre

 

Eine Sternstunde   (  Dezember 2009 ) :

Meine türkischen Zwillingsbuben kommen bereitwillig mit in den Nebenraum – wie bereits seit ½ Jahr. Wieder beginnt es damit, dass ich mir einen Zettel nehme, Tisch und drei Stühle aufmale und den einen frage, ob er ... heißt. Er nickt, ich schreibe seinen Namen zu dem entsprechenden Stuhl, nun frage ich den anderen natürlich auch, damit sich nicht einer bevorzugt oder benachteiligt fühlt. Die Frage: Wie heißt du, ist nicht zulässig, weil ich von beiden keine Antwort bekomme.

 

Wie schon öfters zeige ich ihnen Bilder und benenne sie: ein Schaf, eine Taube, ein Esel, usw.

Bei einigen Tieren mache ich die Tierlaute dazu. Evtl. bekomme ich dafür ein Grinsen von einem der beiden. -  Nachdem ich alle 30 Tiere benannt habe, legen wir alle Karten verdeckt auf den Tisch und spielen das Einfachmemory: abwechselnd dreht jeder eine Karte um, und ich benenne alles. Wer die 2.Karte umdreht, darf beide Karten auf die Seite legen. Wieder greife ich einige Tierlaute auf, und füge auch neue hinzu. Plötzlich macht es neben mir laut und deutlich „piep“. Niemand, der nicht schon mit Mutisten gearbeitet hat, kann sich vorstellen, wie glücklich ich bin. Ich gehe vorsichtig mit Kopfnicken auf sein piep ein und höre gleich wieder „piep“. Ein Blick zum Zwillingsbruder zeigt mir, wie erstaunt auch er ist. Ich höre noch mehrere „piep“ und auch noch ein „ia“, während wir das Spiel zu Ende spielen. Ganz zum Schluss wagt sich auch der zweite vor und macht fast übermütig mehrmals  „piep, piep, piep, piep“.

Ich bin gespannt, wie es weiter geht.

 

Eine Woche später: Um nahe an den Tierlauten dran zu bleiben, bringe ich ein Bauernhofpuzzle mit und zeige es beiden.

Sie selbst sind sehr geräuschvoll und machen gleich beide entenähnliche Schnattergeräusche. Wieder übernehme ich die Sprachrolle und zeige ihnen und benenne Einzelheiten der Szene, ehe wir alle Teile auskippen und das Puzzle neu zusammensetzen. Außer fröhlichen Schnattergeräuschen höre ich wenig, aber das macht auch nichts, sie vermeiden heute erstmal nicht mehr, sich in irgendeiner Form zu äußern.

Als wir mit dem Puzzle fertig sind, streiche ich darüber und fordere sie auf, an die Decke zu schauen. Schnell nehme ich den Hund heraus und sage: „Schaut einmal, es fehlt ein Tier.“  

Beide wissen sofort, was fehlt: „Hund“. Auf die gleiche Weise lasse ich noch Katze, Schwein, Mann und Sonne verschwinden. Jedes Mal bekomme ich von ihnen das richtige Wort gesagt.

5 Wörter höre ich von ihnen, das soll für heute reichen!!!

Jetzt weiß ich immerhin, dass sie einige Begriffe im Deutschen kennen! Wie offen sie mir nach den Weihnachtsferien begegnen werden, das werde ich dann sehen.

 

Nach den Weihnachtsferien: Auf meinen Versuch, mit mir Dinge danach zu sortieren, ob sie hart oder weich sind, gehen sie nicht sehr begeistert  ein, reagieren aber wieder positiv auf die Tiere, die z. T. ein weiches Fell haben oder aber aus Plastik sind, und machen Tiergeräusche und sagen von sich aus „Pingin“ ( =Pinguin)  und einfache Wörter wie Ball und Holz.

Im Gruppenraum kann ich beobachten, dass die beiden mehr und lauter miteinander beim Spiel sprechen – auf türkisch.

 

Wieder einen Schritt weiter: Wir spielen Farbkarussell, indem wir die verdeckt liegenden Bilder umdrehen und demjenigen geben, der das entsprechende Karussell vor sich liegen hat. Ich rede, beide verhalten sich geräuschvoll aber ohne erkennbare Worte.

Als alle Bilder den entsprechenden Karussells zugeordnet sind und ich mehrfach die passenden Oberbegiffe genannt hatte: „Ja, das Motorrad kommt zu den Fahrzeugen“ u.ä., nehme ich das erste Bild von den Spielzeugen und sage: „So, jetzt sprechen wir alle Wörter: ‚Ball’.“ Dabei denke ich, versuchen kann ich es ja mal! Siehe da, beide sprechen mir alle Wörter nach. Diejenigen, die sie selber wissen, rufen sie gleich laut: Ball Auto Motorrad Schlange. Es sind nicht viele Wörter, die sie sich selber zutrauen, und nebenbei höre ich, dass sie bei längeren Wörtern leiser und undeutlicher sprechen, also keine genaue Vorstellung von dem Lautgebilde haben.

Schließlich zeigt sich artikulatorisch, dass beide den Laut /sch/ durch /s/ ersetzen und einer zum Motorrad „Motowad“ sagt, aber den Roller anschließend richtig spricht.

Wie ich vermutet hatte, haben wir noch ein großes Feld der Wortschatzentwicklung mit zusätz-licher Artikulationsübung vor uns.

 

Nach den Osterferien erfahren wir bei einem Gespräch mit dem Vater: Die Zwillinge reden außer mit den Eltern mit keiner anderen türkischen Person –  und sie reden glücklicherweise weiterhin in kleinem Rahmen mit der Erzieherin und mir !

Da die Laute „sch“ und „r“ ersetzt werden, biete ich an, nun konkreter mit der Stammlertherapie zu beginnen und zunächst den /sch/ -Laut mit ihnen zu üben.

 

Werden sie darauf eingehen?

Ja, sie helfen mir, Schienen zu malen und beginnen nach kurzem Zögern auch, dazu „sch“ zu lautieren.

Wir betrachten anschließend die Gegenstände mit Sch-  am Wortanfang, die ich aus meinem Sack heraushole, und ich versuche, ihren Blick auf meinen Mund zu lenken, indem ich den Gegenstand hoch in Mundnähe halte und die Lippen deutlich vorstülpe.

Zum Schluss bekommen die Zwillinge eine große Schachtel von mir, in der sie daheim Gegen-stände, die mit Sch- beginnen, sammeln sollen. 

Die Schachtel bringen sie in der Folgewoche mit, sind sehr stolz auf ihre Gegenstände und sind ganz eifrig bemüht, mir deren Namen zu nennen.

 

Ein Riesenschritt zurück ?  Nach den Pfingstferien berichtet mir die Erzieherin, dass alle kleinen Sprachanfänge bei der Begrüßung und im Stuhlkreis wieder völlig verloren gegangen seien und sie die ersten 3 Tage dieser Woche sehr zurückhaltend gewesen seien. Dies kann ich kurz darauf selbst beobachten: sie kommen mit der Mutter, die kaum deutsch spricht, und geben der Erzieherin ohne jegliche Gesichtsregung und ohne Sprache zur Begrüßung die Hand.

Ich bitte beide mit in den Nebenraum und sogleich läuft einer eifrig in die Garderobe und holt ihre  große Schachtel. Der andere hilft mir inzwischen, Bauklötze zu tragen.

Auffällig ist, dass beide, sobald die Tür zu ist, Geräusche von sich geben, die wie ein Schnaufen o. ä. klingen. Mir kommt es so vor, als müssten sie jetzt nicht mehr geräuschlos sein. Auch ihre Distanz scheint verflogen.

Ich lege 2 Bauklötze in die Reihe, tippe darauf und sage „sch sch – und nun ihr“. Beide machen mich nach. Auch das 6fache „sch“ bei 6 Bauklötzen ist kein Problem. Nun darf jeder eigene Reihen legen, die wir alle mit 6 „sch“ benennen – netterweise sind es Halbkreise oder Treppen, sie setzen ihre eigene Fantasie freudig ein!

Um die Dinge aus ihrer Schachtel zu würdigen, lege ich die Gegenstände anschließend auf die 6 Bauklötze und wir benennen sie: ich spreche vor, sie sprechen nach – mit teilweise richtigem Sch-.

Nun müssen wir ein neues Spiel vorbereiten: Jeder schneidet einen Fisch aus. Dabei rutscht mir irgendwann beim Schneiden „schnipp – schnipp“ raus. Der forschere Zwilling tut es mir gleich, der zurückhaltendere sagt nach dem Schneiden: „schnipp-schnipp-schnipp-schnipp“. Ich klemme mit Büroklammern die bereits bekannten Memorybilder hinter die Fische und hole eine Angel aus der Tasche: wir angeln und benennen die hinter die Fische geklemmten Sch-Namen. Gleich kommen sie auf die Idee, die geangelten Fische in ihre Schachtel zu verfrachten, und ich höre zu meiner Verblüffung: „Eine saf komm da lein“. Kurz darauf kommt ein richtig kleiner Annäherungs-versuch: „Hallo, kleiner Pipi“ Darauf reagiere ich nicht so gerne und angele lieber weiter - freue mich aber trotzdem insgeheim. Als nächstes ist zu hören: „komm jetz eine? (=was kommt jetzt?)  -  eine seje (=Schere) -  meiner Bild.“  Der andere bekommt die Angel und angelt eine Schaufel: „ein saukel“. Hier zeigt sich wie zerbrechlich noch ihr Wortgebrauch ist: sie sind beide noch vielfach unsicher in der genauen Lautfolge im Wort. Kurz drauf meint der forschere Zwilling, der schneller und mehr spricht: „kleine Fische“. Darauf frage ich: „Sind das kleine oder große Fische?“ Meint prompt der andere: „gloße Fisse“ und kurz drauf der Forschere: „ham-ham-ham, Fisch komm.“    Abschließend sagt er „Mütze“ und legt sich die Angel auf den Kopf.

 

Mir zeigt sich deutlich, dass beide Kinder den Therapieraum als Schonraum ansehen, in dem sie sich trauen zu reden, und in dem sie zu mir Kontakt aufnehmen und mit mir fröhlich und kreativ spielen und  -  sprechen..

 

Nach einem Jahr mit Sprache  ( Januar 2011) :

Ein beachtlicher Sprachzuwachs im Wortschatz, im Satzbau und Ansätze in der Grammatik:

 

Wir schauen das Buch von der kleinen Raupe Nimmersatt an. Beide erzählen gemeinsam mit mir, was zu sehen ist. Beim Aufzählen der Lebensmittel wissen sie die Namen von der Vorwoche noch fast alle: Wurst, Käse, Kuchen, Eis, Lolli, Muffin – und nennen Melone mit mir zusammen.

 

Anschließend falten wir aus einem hellgrünen und einem dunkelgrünen Streifen jeder eine Hexentreppe. Ich muss nur anfangs erklären, dann arbeiten beide selbständig.

 

Abschließend klebe ich bei einem Zwilling Fühler an. Er spielt mit der Raupe, während die andere Raupe Fühler bekommt. Meinen Hinweis, Augen zu malen, greift der Raupenbesitzer gleich auf, während der andere Zwilling weiterspielt. Daraufhin sage ich zu ihm: „Deine Raupe hat noch keine Augen.“ Er bewegt die Raupe hin und her und ruft: „ Ich seh nix, ich seh nix, ich seh kein - .“  Er malt nun auch Augen.

Anschließend drückt er die Raupe wie eine Ziehharmonika zusammen und sagt: „meins ist klein.“ kurz drauf: „ das is kaputt, Fühler is kaputt und die geht ein Apfel laus.“    Ach ja, wir hatten vorher beim Buchanschauen immer auf der Rückseite gesagt: „Da kommt die Raupe aus dem Apfel (usw.) wieder raus.“

Kurz drauf zeigt er die inzwischen wieder lang gestreckte Raupe und sagt: „mein Laupe is groß.“

 

Sein Bruder hört zunächst still zu und beteiligt sich erst am Gespräch, als er vom Apfel spricht. Er ergänzt: „Und da esst sie Apfel und da Birne und da Blätter und ein slaft sie.“ Zur Bekräftigung gleich nochmal: „dann esst sie Apfel und dann Birne und dann ein Haus slafe und dann is ein Smetterling, flieg mein Laupe – noch lauft sie – fliege ich!“

 

Schließlich schauen wir das Arbeitsblatt mit den 5 wesentlichen Bildern der Geschichte an.

Der eine Zwilling sagt: „ich mach da ein Raupe.“ Er zeigt auf den Kokon und malt sauber innen rein die Raupe, „und ein Fühler und da Beins ( sein Versuch die Mehrzahl zu bilden – mit s !) und hintern zwei.“   Ich frage zurück:“ du malst hinten 2 Beine?“ Beide Buben nicken!

 

Die Satzstellung ist richtig, die Laute „sch“ und „r“ können gesprochen werden, fehlen aber meistens. In der Grammatik kommen gute Versuche, z.B. nasser Hund, kleiner Haus, gloße Kuchen, ich mach die Steine.

 

Auch verblüfft mich, wie sie mit dem Gelernten umgehen:

Vor Weihnachten hatten wir die Adjektive groß und klein geübt. Nach einigen Bildern war dies ihnen zu langweilig und sie benannten konsequent das Adjektiv falsch herum und lachten dabei: „Der Hund ist groß“ – obwohl er klein war.

 

Als wir mit dem Dreierwürfel spielen, bemerkt plötzlich ein Zwilling: „Da is keine 6 !“

Er hat recht, wir untersuchen den Würfel und finden weder 4 noch 5 noch 6 Punkte.

 

 

Kürzlich sah ich beide Buben inmitten der Kinderschar, die eine der Erzieherinnen umringte -  es ging um ein neues Spiel und die Zwillinge waren genauso interessiert, eifrig und spannungs-geladen dabei wie die anderen.

 

Wie wir sie auf die Schule vorbereiten und sattelfest für die Schulanforderungen machen können, wird ein neues Kapitel sein. Die Eltern wünschen eine Aufnahme in die Regelschule – fördernde Begleitung ist bisher nicht in Sicht.

 

Juli 2011  

Seit Januar 2011 greift eine Sprachfördermaßnahme im Kindergarten.

Der sprachliche Zuwachs durch die Aufnahmebereitschaft der beiden Buben ist enorm. Nach wie vor ist oft der forschere Zwilling zuerst zu hören und der zweite klingt sich später ein.

Vor uns liegt mein rosa Koffer mit vielen Gegenständen, den ich nach einem Beratungsgepräch nicht zur Seite geräumt hatte. Natürlich muss ich die Neugier der Zwillinge befriedigen und sie mit den Dingen hantieren lassen. Der eine holt das Spieltelefon aus dem Koffer und sagt: "Ich rufe jemanden an." Ich frage zurück: "Wen rufst du an?"  "Mich selbst!!!"    Kurz drauf spielen beide mit dem kleinen Ball und er sagt:"Gib mein Ball" Der Ball rollt vom Tisch und er fragt:"Wo ist der Ball? - ach hier!"

Ich zeige eine Wäscheklammer, sage ihre Bezeichnung und frage: "Was kann man damit machen?" und bekomme zur Antwort: "Wäsche aufhängen" --> nun hat sich auch der andere Zwilling in das Gespräch eingeklinkt! Er sucht den Puppenkleiderbügel aus dem Koffer und sagt: "Puppi-kleidern, das ist für Puppis." Währenddessen spielt der andere mit der Tigerente und lässt sie an der Stuhllehne hinaufklettern: "Sie klettert jetzt hoch - das geht nicht ..."

Endlich schließen wir den Kofferdeckel - jeder betätigt ein Schnappschloss. "Warum ist da ein Schlüssel?" Meine Antwort hat Aufforderungscharakter: "Damit kann man den Koffer abschließen." Gesagt - getan...  "Die Schlüssel geht nicht mehr raus, warum geht die Schlüssel nicht mehr raus? Das klemmt !"  Wir schließen ab und auf, und es kommt noch eine letzte Frage von ihnen: "Warum sind hier 2 Schlüssel?"

 

Schließlich können wir uns dem Pluralspiel zuwenden ...

 

Und zum Schluss kann ich noch verraten, dass die beiden Buben immer gleich angezogen sind, sich unglaublich ähnlich sehen und ich sie nur an einer kleinen Narbe unterscheiden kann.

 

Februar 2012

Ich habe Gelegenheit, die Lehrerin der Zwillinge auf Eingewöhnung und Fortkommen in der Ganztageseinrichtung anzusprechen. Zunächst seien beide nicht so recht mitgekommen, hätten im Leselernprozess bereits Lücken gehabt und würden insgesamt wenig sprechen. In letzter Zeit sei eine deutliche Stabilisierung erfolgt, der Vater habe im Elterngespräch das Rätsel dieses erfreulichen Zuwachses lösen können: Bald nach dem Heimkommen würden sich die Buben in ihr Zimmer zurückziehen und Schule spielen: sie würden sich gegenseitig vorlesen und Rechenaufgaben stellen !!!

Wenig später traf ich eine Lehrerin, die seit Schuljahresbeginn die Hausaufgaben betreut. Sie meinte, die Buben hätten mit ihr noch kein Wort geredet, sie hätte sie aber schon mit anderen Kindern reden hören ...

 

2016

Inzwischen sind beide Buben auf dem Gymnasium - das hätte ich nicht gedacht !

 

Theda Hiller

 

 

 

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