„Ne Dotten an“          sagt Leon.

 

 

Haben Sie diesen Satz verstanden?

Da man davon ausgehen muss, dass etwa 20% der Kindergartenkinder (3-6 Jährige) eine besondere Sprachförderung brauchen, hat jede Erzieherin in ihrer Gruppe 4-5 Kinder, die zusätzliche sprachliche Unterstützung benötigen. Bloß, wie erkennt man, was noch im Rahmen ist und wann man die Eltern ansprechen sollte?

 

Normale sprachliche Entwicklung

Nach wie vor gilt die Faustregel, dass sich das Kindergartenkind mit etwa 4 Jahren sprachlich gut äußern können sollte !

 

„Gut äußern“ heißt:

  • Das Kind ist bereit, auch mit Erwachsenen zu reden.
  • Das Kind spricht für alle gut verständlich.
  • Das Kind macht keine grammatischen Fehler mehr.
  • Das Kind gebraucht viele verschiedene Wörter, mit denen es all das ausdrücken kann, was ihm wichtig ist.

 

Diese Altersgrenze von 4 Jahren hat seinen Grund.

 

Dem Kind wird Zeit gegeben, sich selbst zu entwickeln und ...

... die genaue Aussprache vieler, auch längerer Wörter, aus seinem Alltag oft zu hören und diese Wörter auch oft selbst auszusprechen,

... die Beweglichkeit der Mundmotorik so weit zu üben, dass es die verschiedenen Laute unserer Sprache genau sprechen kann. Manchen Kindern bereitet besonders der Lippenlaut „sch“ große Probleme, anderen gelingt das „k“ und „g“ noch nicht, wieder andere sind mit Konsonantenverbindungen wie tr, kr, str noch überfordert...

... die grammatischen Regeln aus den unzähligen Sätzen, die es hört, herauszufiltern und in eigenen Sätzen anzuwenden,

... in vielfältigen Situationen neue Wörter in seinen Wortschatz aufzunehmen.

 

Nicht erwähnt habe ich in dieser Aufzählung die Bereitschaft zur Kommunikation, die bei den meisten Kindern problemlos gegeben ist. Mitunter schweigen aber auch Kinder gegenüber Erwachsenen, wenn sie sprachlich unsicher sind  – oft auch, wenn deutsch nicht ihre Muttersprache ist.

 

Voraussetzung für alle Bereiche ist, dass das Kind gut hört. Bei Verdachtsmomenten, dass das Kind nicht gut hört und das Gehörte nicht gut versteht - egal in welchem Alter - , sollten die Eltern schnell zum HNO-Arzt gehen.

 

Unterstützung der normalen Entwicklung

Allgemeine sprachliche Förderung brauchen alle Kindergartenkinder auf jeden Fall von Seiten der Eltern und von Seiten der Erzieherinnen, damit ihnen die oben genannten Erkenntnisse gelingen und sie sich in ihrer Sprachentwicklung zu selbstsicher sprechenden und gut verstehbaren kleinen Menschen entwickeln.

 

Sprachförderung heißt, mit den Kindern ständig im Gespräch zu sein, alle Situationen zu nutzen, um Sprache anzubieten und ihnen Sprachausübung zu ermöglichen. Im Kindergarten kann dies geschehen

 

  • bei der Begrüßung eines Kindes, das ein neues Kleidungsstück vorzeigt. Dies kann bewundert werden und Anlass zum Nachfragen sein, woher es ist...
  • in der Bauecke, in der die Erzieherin mit Kindern gemeinsam die Holzeisenbahn aufbaut, Tiere auf die Wiese stellt, mit Holzrugeln (-scheiben) Berge baut. Evtl. lässt sie sich vom Kind erklären, was sie tun soll, oder sie bringt ihre eigenen Ideen mit ins Spiel ein ...
  • in der Puppenecke, in die sie gemeinsam mit einem anderen Kind eine neue, gerade aus Pappkarton gefertigte Waschmaschine trägt und die bereits anwesenden Kinder fragt, wo diese hingestellt werden könnte...
  • im Sandkasten beim gemeinsamen Kuchenbacken oder Lochgraben..
  • an der Schaukel, an der verhandelt werden kann, wie oft die Erzieherin das Kind anschupst, wie oft das Kind selbst Schwung holt...
  • beim Regelspiel am Tisch, dessen Regel sie gar nicht mehr genau weiß oder die sie mit den Kindern abändern muss, weil sich der Würfel nicht finden lässt ...
  • beim Bilderbuchbetrachten mit drei Kindern auf dem Sofa...
  • an der Werkbank, an die sie zum Helfen gerufen wurde...
  • am Maltisch, wo sie sich vom Kind anleiten lässt, ein ähnlich schönes Bild zu malen oder zu kleben...                                     
  • in der Lernwerkstatt, die sie nicht nur vorbereitet, sondern auch neugierig auf den Tatendrang der Kinder begleitet...       usw.

 

Am Beispiel eines Angelspiels wurde mir kürzlich sehr deutlich, dass selbst ein Spiel mit wenig aussage- kräftigen Bildern und eintönigem Spielablauf genug Gesprächsstoff bietet. Dies beginnt schon beim gemeinsamen Aufbau des Spieles, den man sprachlich ausgestalten kann.

 

Die Rolle der Erzieherin

Auf jeden Fall muss sich die Erzieherin ihrer Rolle als ständiger Sprachanregerin bewusst sein. Sie sollte deutlich sprechen und kürzere Sätze verwenden und je nach Kind komplizierte Verschachtelungen meiden. Auch sollte sie  beobachten, wenn sie der Kinderguppe einen Auftrag erteilt, ob alle Kinder sie verstanden haben, oder sie es mit dem einen oder anderen Kind nochmals kurz besprechen muß.

Außerdem sollte sie als Sprachvorbild die eigene Sprache soweit kontrollieren, dass sie dialektgefärbte Grammatikabweichungen möglichst meidet: „du tust den Bagger fahren und ich tu den Laster holen“ - hier lernt das Kind keine Flexion verschiedener Verben wie „du fährst“ oder „ich hole“ kennen, da diese ihm immer nur in der Grundform + „tun“ angeboten werden - besser heißt es: "du fährst/ schiebst den Bagger und ich hole den Laster", und das Kind hört die Verbflexionen ich hole und du fährst

 

Auf die Zweijährigen im Kindergarten bezogen heißt es noch mehr, die Kleinsten mit einfacher Sprache zu unterstützen und sie bei ihrer Sprachentwicklung zu begleiten. Die Zweijährigen erfassen allmählich immer besser den um sie hörbaren Wortschatz, erkennen die grammatischen Aufbauregeln und entwickeln aus Einzelwörtern und Aneinanderreihungen von Wörtern eine immer größer werdende Sicherheit im gramma- tisch richtigen Umgang mit der Sprache – vorausgesetzt man wendet sich ihnen zu und begleitet sie in ihrem Tun.

 

Soweit die notwendige allgemeine, ständige Unterstützung der sprachlichen Entwicklung bei Kinder- gartenkindern, die vielen Erzieherinnen auch selbstverständlich ist...

 

Dreijährige mit sehr wenig Sprache

Die Altersgrenze von 4 Jahren sollte aber auf keinen Fall abgewartet werden, wenn dreijährige Kinder in den Kindergarten gehen, deren Sprache noch sehr unverständlich ist (Artikulation) oder nur aus wenigen Wörtern besteht (Wortschatz) oder eine Aneinanderreihung von Wörtern ist, die noch keine grammatischen Anpassungen erkennen lässt (Grammatik), und im Extremfall: die erst 10 Wörter sprechen.

 

Manchmal treffen mehrere dieser Bereiche zusammen, hierzu ein Beispiel: Der kleine Leon zeigt mir seine Füße und sagt ganz stolz, dass er Sandalen ohne Socken tragen darf: „Ne Dotten an.“ Er spricht einen unvollständigen Satz, die Verneinung gelingt noch nicht, g/k kann er noch nicht artikulieren und der Wortanfang ist wie so oft bei ihm ein D- oder B-.

 

Erfreulich ist, dass dieser Vierjährige, der ein Jahr zuvor erst 8 Wörter sprechen konnte, inzwischen im Wortschatzaufbau so weit ist, dass er sich in seinem überschaubaren Alltagsrahmen mit Einzelworten oder Wortgruppen gut ausdrücken kann. Da sein Lautrepertoire deutlich eingeschränkt ist, bin ich oftmals froh über die Übersetzungshilfe der Mutter, die bei unserer Sprachtherapie immer dabei ist – für gezieltere Übungen seiner Aussprache ist er noch nicht zugänglich. Also sprechen wir viel mit ihm und bieten ihm zur Erweiterung seines Wortschatzes viele einfach zu sprechende, eher kurze Wörter an. Sein Grammatisches Verständnis zeigt immerhin ein erstes Gefühl für die richtige Reihenfolge der Wörter im Satz. Übrigens es ist Leon, den ich auch in Leon 1 und Leon 2 beschrieben habe  --> Sprachanfang.

 

Spielerische Therapie für die Dreijährigen

Fällt ein jüngeres, also noch dreijähriges Kind im Kindergarten sehr deutlich auf, ist es sinnvoll, die Eltern anzuregen, eine Sprachtherapie einzuleiten. Eine solche Therapie sollte allerdings sehr vorsichtig und sehr spielerisch beginnen. Der Wortschatzaufbau und die grammatisch korrekte Begleitung seiner Handlungen, sowie die vorsichtige Korrektur von falschen grammatischen Satzphrasen ( „Reformulierung“ oder „Korrigierendes Feedback“) sollte im Vordergrund stehen, sowie die Anleitung der Eltern - und durch sie auch diejenige der Erzieherinnen - zu einfachen und klaren, kurzen Sätzen, da sie im Umgang mit den Kindern den meisten Handlungs – und Sprachraum ausfüllen.

 

Nun sind die Extreme der Sprachentwicklung benannt:

  • Kinder, die sich bis etwa zum Alter von 4 Jahren selbständig die wesentlichen sprachlichen Feinheiten aneignen - einzelne fehlerhafte Plural- oder Vergangenheitsformen sind nicht störend 

 

  • oder Kinder, die in den ersten drei Lebensjahren kaum Sprache aufgebaut haben (genannt Spracherwerbs- oder spezifische Sprachentwicklungsstörung oder Sprachentwicklungsverzögerung – die Benennung ist nicht einheitlich)

 

Kinder, die etwas Unterstützung brauchen

Zwischen diesen sprachlich sehr fitten und den sprachlich sehr eingeschränkten Kindern liegen viele Kinder:

  • die nur einzelne Laute nicht beherrschen,
  • die nur mit komplizierteren Sätzen ihre Schwierigkeiten haben    oder
  • die nur bei wenigen grammatischen Bereichen noch auffallen.

Ihre einzelnen Problembereiche können in einer zusätzlichen Sprachförderung gezielt geübt werden – spielerisch geübt werden!

 

Sprachförderung verlangt Mitarbeit

Dazu müssen die Kinder für die Sprachförderung - einzeln oder für mehrere Kinder angeboten - aber auch eine Bereitschaft entwickeln, sich auf Spielideen einzulassen, die nicht immer ganz einfach zu bewältigen sind.

Wenn z.B. Maik beim Ausräumen von Gegenständen mit dem Anfangslaut K- aus dem Sack fröhlich weiter „T-“ sagt, weiß ich, dass er rein durch Imitation nicht zum richtigen Laut gelangen kann. Daher muss ich seine Aufmerksamkeit auf meinen Mund lenken, ihm den Unterschied der Zungenlage bei beiden Lauten zeigen und ihm dann vermitteln, wie er selbst es richtig machen kann. Dies erfordert eine große Mitarbeitsbereitschaft von seiner Seite, die teilweise über mehrere Wochen erst aufgebaut werden muss:

Er muss lernen, die Zungenspitze für den Laut „k“ nach unten zu drücken, statt wie bisher an den oberen Zahnrand zu schieben. Wir üben dies zwar sehr spielerisch zunächst mit dem isolierten Laut und dann mit dem Laut am Wortanfang, aber dennoch gilt: Je jünger die Kinder sind, desto schwerer gelingt eine effektive, gezielte sprachliche Förderung.  Bei Maik gelingt der Laut, wenn wir jedes Mal bei weit geöffnetem Mund mit einem Keks die Zungenspitze herunterdrücken – bloß wann gelingt dies auch ohne Keks?

 

Daher ist eine spezielle Sprachtherapie, obwohl heute alle auf einen frühen Start drängen, nicht immer frühzeitig möglich und sinnvoll. Jedes einzelne Kind hat seine eigene Entwicklung und öffnet sich zu einem anderen Zeitpunkt für gezieltere Förderung – öfters erst, wenn es bereits vier Jahre alt ist.

Fällt ein Kind mit seiner Sprache auf, sollte unbedingt immer in einem Diagnose- und Beratungsgespräch abgeklärt werden, ob es stabil gut hört, und welche sprachlichen Auffälligkeiten zu finden sind. Die Frage, in welcher Form sich Therapie an diese Diagnostik anschließen kann, muss im Elterngespräch sorgfältig geklärt werden.

 

Gute Voraussetungen für Sprachförderung

Oft haben die Erzieherinnen ein Gespür dafür, welche Lieder mit einfachen, gleich bleibenden Satzstrukturen welchen Kindern besonders gut tun. Sie können auch darauf achten, dass das sprachlich auffällige Kind im Kreisspiel mit einem anderen Kind zusammen das geforderte Satzmuster sprechen darf, bis es dies so gut beherrscht, dass es die sprachliche Anforderung alleine bewältigt. Eine allgemeine spielerische Sprachförderung im Kindergarten ist überall fruchtbar.

 

Unabhängig von spezifischer Förderung kann jede Erzieherin ihr Ohr schulen und genauer hinhören lernen, welche Laute wohl fehlen, wo grammatische Probleme bestehen und welche Kinder noch einen sehr geringen Wortschatz haben – denn auf diese drei Dinge kommt es an.

 

Eine großartige Möglichkeit haben die Erzieherinnen in der sprachlichen Förderung dadurch, dass sie im Alltag ständig mit den Kindern zusammen sind und intensiven Kontakt haben. Sie können im gemeinsamen Tun durch tägliche Wiederholungen der Sprachzuwendung, auch durch die sich oft wiederholenden Lieder, Verse, Geschichten den sprachschwächeren Kindern, die oftmals eine geringe Merkfähigkeit  für Sprache aufweisen, sehr gut helfen – auch dann noch, wenn die sprachstarken Kinder längst anderes „Futter“ brauchen.

Kürzlich trällerte eine Erzieherin auf dem Gang ein Lied vor sich hin, 2 Kinder auf dem Bauteppich, an dem sie vorbei ging, fielen prompt in das vertraute Lied ein, das nun einmal außerhalb vom Stuhlkreis zu hören war - eine wunderbare Übung für Kinder, die sich die Liedtexte nicht so schnell merken können.

 

Zusätzlich sollten Sie als Erzieherin / Lehrerin bei allen Themen, die Sie anbieten, vor allem auch bei den Liedern, mit Gegenständen oder mit Bildern das Besprochene oder Gesungene unterstützen und damit sicher stellen, dass die Kinder die Wörter auch verstehen, die neu für sie sind, und die sie mit einer optischen Verbindung doch viel besser und ganzheitlicher lernen können.

 

Neulich hörte ich im Stuhlkreis, als ich einen Raum betrat, das Lied:“Drei Chinesen mit dem Kontrabass, saßen auf der Straße und erzählten sich was...“, das von den Kindern wunderbar mit den verschiedenen Vokalen auf „a“ oder „o“... gesungen wurde. Bei meiner Nachfrage, was ein Kontrabass sei, vermuteten die Kinder, es sei eine Trommel.

 

Theda Hiller

Sprachheillehrerin u. Diplompädagogin, Calw

( Schwerpunkt Frühförderung )