Sprachanfang

Jedes Kind hat seinen eigenen Sprachanfang mit eigenen Worten

 

Eine Homepage, in der ich meine Erfahrungen als Sprachtherapeutin im Frühbereich weitergeben möchte.


Ich höre hinter mir in der Bank "dust", kurze Zeit später wieder "dust" und bald drauf noch einmal "dust", bis schließlich der Vater reagiert und seinem Töchterchen eine Trinkflasche reicht.

Meine eigenen Kinder haben "lasche" bzw. "tinten" gesagt. Hellhörig geworden, begann ich herumzufragen und erfuhr verschiedenste Wörter, mit denen dieser Sachverhalt ausgedrückt werden konnte :

dust oder dorscht

hunger oder ham      --> synonym gebraucht für Trinken

ein     --> gemeint ist einschenken

auf    --> für auffüllen oder aufmachen und nachfüllen

alle   oder   leer  oder  babela  (=schwäbisch)

tinken oder tinten  oder kringe

pulle oder lasche

Schmatzgeräusch oder Schlürfgeräusch

hm Tee --> heißt etwa:  ich möchte mehr Tee

Tee, Mi (Milch),  Kakaun (Kakao), asser (Wasser), saf (Saft), dudel (Sprudel) ...

bim   --> meint das Geräusch von der Mikrowelle, wenn die Milch warm ist.

 

All diese Wörter zeigen, dass die Kinder das sprechen, was Ihnen angeboten wird. Es gibt also nicht bestimmte erste Worte, sondern jedes Kind bekommt seine eigenen ersten Worte in seiner Familie mit!         Haben Sie nach weitere Wörter ? Würden Sie sie mir zusenden bzw. ins Gästebuch schreiben?                   

 

Der Sprachanfang der Kinder zeigt zunächst einzelne Worte, dann Wortgruppen und schließlich sprachliche Äußerungen mit richtigen grammatischen Formen und richtiger Aussprache. Zumeist gehen die Kinder diesen sprachlichen Weg gemeinsam mit ihrer nahen Umgebung in der Familie - evtl mit zusätzlicher, kleinkindgerechter Betreuung. Die Kinder benötigen direkten Kontakt, viel Ansprache und ein interessantes Angebot von Wörtern.   -                                                                                                                                                               

Auch wenn der folgende Text auf Kinder zugeschnitten ist, die schon etwas älter sind, kann man sehr gut ablesen, wie eine sprachliche Begleitung des Sprachanfangs die Kleinkinderwelt sinnvoll bereichern kann.

 

Weitere Informationen entnehmen Sie bitte auch dem Kapitel Sprachentwicklung.

 

 

Sprachliche Förderung von Zwei - Dreijährigen                     Theda Hiller

Wenn ein zwei-dreijähriges Kind zu mir in die Sprachförderung kommt und nur 20 Worte spricht,

versuche ich, zu ihm Kontakt aufzunehmen. Entweder wird es von dem vielfältigen Spielmaterial im Raum angelockt und ich begleite es, oder es sitzt auf dem Schoß der Mutter und ich zeige ihm etwas, z.B. sammele ich in einen Eimer mehrere Bauernhoftiere ein, hole sie in der Nähe des Kindes aus dem Eimer, stelle sie auf den Tisch und erzähle was es ist.

Neben der Erweiterung des Wortschatzes fällt mein Hauptaugenmerk darauf, was das Kind hört (Reaktion auf Geräusche) und versteht. Manchmal versteht es "alles" wie Mütter gerne beteuern, aber manchmal ist sein Verstehenshorizont von Sprache auf wenige Schlüsselwörter beschränkt.

 

Evtl biete ich dem Kind auf dem Schoß der Mutter auch ein Bilderbuch an - wir schauen die ANNA an, unser Bilderbuch mit lautlich sehr einfachen Wörtern wie Uhr, Baum, Auto, Ball, Bär, Hammer, Ente, Ei, Bier, Tee, Eis ... und natürlich der Name Anna selber! Alle Wörter sind auch als Gegenstände vorhanden!

 

Läßt sich das Kind nach einiger Zeit vom Schoß der Mutter herunterlocken, führt unser erster Weg zum Bauernhof. Wir setzen uns auf den Boden und holen Tiere heraus. Dies kommentiere ich: Das Pferd kommt: hü, die Kuh kommt: muh ... oder schau, das Huhn, schau, der Hund ...  oder hallo Hahn, hallo Schaf ...  dabei nenne ich immer auch die Tiergeräusche, die das Kind teilweise sogar mitmacht: muh, mäh, hü, üüüü (Hahn), natnat (Ente), gagaga (Huhn), wauwau, miau. Somit hört das Kind von mir die  lautmalerischen Tiergeräusche und kleine grammatische Strukturen.

 

In der ersten Zeit steht die Erweiterung des Wortschatzes im Vordergrund. Dazu verwende ich einsilbige und zweisilbige Wörter mit leicht zu sprechenden Lauten (Vokale, Labiallaute m b p, Dentallaute mit Dauerlautcharakter f w l n - die Explosiva d t gelingen auch häufig ...) und biete sie in den verschiedenen Spielsituationen an:

 

Wörter aus ihren Erlebnisbereichen: Namen, Tierlaute und Tiernamen, Körperteile, Spielzeug ...

            das Auto fährt zum Turm

            der Zug fährt durch einen Tunnel

            wir sammeln Gegenstände in einen Eimer

            wir packen Lebensmittel in die Tüte, bezahlen mit Euro

            die Puppe zieht einen Pulli an

            in der Puppenküche decke ich Teller, Löffel …

            wir kochen Suppe

            wir schieben den Laster ( wie Felix im Bilderbuch!) den Berg hoch

            im Sandkasten lade ich Sand auf

            am Bauernhof holt der Mann das Huhn, die Ente

            der Hund läuft weg - die Kuh hat Futter

            die Tür mache ich auf / zu, das Licht an / aus

            der Bagger hebt seine Schaufel hoch / runter

            der Geldbeutel ist leer

               wir malen den Ball  lila an

            der Panda hat ein Ohr, einen Mund, einen Po

            das Schlusslied handelt vom Teddybären

 

-->  ich spreche in kleinen grammatischen Einheiten, das Kind spricht einzelne Worte.

Die Worte vom Kind sind oft nur der Spur nach richtig, aber ich freue mich trotzdem, wenn es alles, z.B. meine Farben blau rot gelb aufgreift, auch wenn es bau hot delb sagt!

 

Nach einiger Zeit erweitert das Kind seinen Wortschatz und verwendet Zweiwortkombinationen oder auch Einzelwörter, an denen Flexionen zu erkennen sind: meins, hole, das Eimer (=das ist ein Eimer), Tellers, des da?     --> es beweist, dass es zugehört und Wörter seiner Umgebung aufgegriffen hat.

 

Wenn ein zwei-dreijähriges Kind kommt und deutlich mehr als 20 Wörter spricht, versuche ich, den Lautbestand zu erfassen und die grammatischen Strukturen zu erkennen, die es bereits benutzt. Dies geschieht alles unter der Voraussetzung, dass das Kind mich als Spiel- und Gesprächspartner anerkennt und mit mir spricht.

Auch hoffe ich, dass das Kind von mir gezielte Spiel- und Sprachangebote akzeptiert und aufgreift, sei es, dass wir den Lippenlaut /m/ stabilisieren mit dem "Mann" von der Baustelle oder dem "Mann" aus dem Puppenhaus usw.  oder dass wir Grammatik aufbauen. Wir machen Bewegungsspiele oder spielen mit den Gegenständen des Kaufladens, Bauernhofes, Puppenhauses, der Baustelle, der Eisenbahn, mit den verschiedenen Fahrzeugen usw:

  • Zwei - Dreiwortkombinationen: Subjekt + Prädikat :

            Der Bär hüpft / läuft     ( mit Bauklötzen und Seil )

            Tom baut, Tom malt, Tom sitzt, Tom liegt …

            Der Bär tanzt, wir tanzen, der Bär schläft, wir schlafen, der Bär rennt, wir rennen ...

            Die Kuh schläft, die Ente schläft, das Huhn schläft        ( Bauernhof )

            Der Junge schaukelt, der Junge trinkt   ( am Puppenhaus )

            Felix schiebt, Felix fährt, Felix schläft

            Der Hund frisst, der Hund trinkt, der Hund rennt …

            Der Laster fährt, der Tanker fährt, der Traktor fährt, der Bagger fährt ...

            Der Hase frisst    ( wir reichen ihm Möhren, Birnen, Äpfel aus dem Kaufladen )

  • Mehrwortkombinationen:  Subjekt  +  Prädikat  +  Objekt :

            Einfach:            Das ist ein/ der ....    = Nominativ     ( "das Benennspiel")

            mit Flexion:       Tom isst die Birne, Tom isst den Apfel ...

                                   Der Bär,  der Rabe,  der Panda ... hat  ... einen Hut, eine Möhre, ein Bett

                                   Ich hole den Bären, die Maus, das Schaf ... (unterschiedl. Artikel)

                                   Ich nehme das Ei, ich nehme das Haus, ich nehme das Auto ... (gleicher Artikel)

                                   Ich kaufe Eier, ich kaufe Mais, ich kaufe Käse, Äpfel ...  (Plural)

                                   Das Kind fährt mit dem Roller 

  • aber auch Phrasen:  in die Tüte - in den Eimer - in den Korb

                                    zum Turm  - zum Hof  (angebotene Alternativen geben uns mehr  

                                                                                   Handlungsmöglichkeiten!)

 

Da wir den Sprachaufbau der Kinder unterstützen, müssen wir im Weiteren aufbauen:   Plural-, Verbformen, Artikel, Präpositionen, Adjektivformen ...               


 

 

Da jedes Kind seinen individuellen Sprachaufbau betreibt, muss ich mich in allen Bereichen sehr gut auskennen:

Wortschatz

Artikulation

Grammatik,

 

und ich muss dem Kind zugewandt sein, ihm Raum geben, aber es auch an die Hand nehmen und anregen.

 

Die Eltern - häufig die Mutter - sind immer anwesend und bieten damit dem Kind den nötigen Rückhalt, um sich mir öffnen zu können. Gleichzeitig erleben sie mein Sprach- und Spielverhalten und können dieses zuhause fortsetzen.

 

Theda Hiller  16.März 2012

 

Die folgenden Bilder zeigen unseren Bären Tom:  Tom spielt, Tom sitzt, Tom trinkt !